by: Gastbeitrag von Dr. phil. Jutta Krauß

Zwischen-Zustände oder Körper-Kostüm-Collagen

Doppelabend: Different ways of being in & Walking away from an explosion in slow motion

Kleidungsstücke sind keine Körper, doch sie sind wie bewegte Körper-Gesten: Manchmal scheint es, als würden sie selbst handeln und zu einem Ereignis auffordern oder ausufern. Die Performance „Different ways of being in“ von Zina Vaessen handelt darum, dass Ausufern und Ausfransen ausgehandelt werden, dass Zustände und das Dazwischen von Zuständen unentwegt befragt werden. In der Performance – getanzt von Chelsea Reichert und Zina Vaessen – gibt es viel Unterbrechendes.

Zu Beginn der Performance sieht man auf der Bühne einen Tisch mit allen möglichen Gegenständen, die Tür zur Hinterbühne ist offen und das Dahinterliegende hell erleuchtet. Von dort beginnend hört man vom Zuschauerraum zwei Stimmen und den Sound von Körpern. So beginnt die Performance körperlos, jedoch mit vielen Klangkörpern. Allmählich sieht man Beine, Arme, Körper, die aus Tüten Kleider schöpfen und hineinschlüpfen. Als Knäuel bewegen sich schließlich die beiden Performer*innen dicht aneinandergedrängt und eng ineinander verhakt über den Bühnenboden, nun für alle sichtbar. Die beiden Körper erzeugen Verstrickungen die sie immer wieder auflösen. Aus dem scheinbar undurchdringbaren Körperknäuel treten dann doch immer wieder einzelne Körperteile zum Vorschein – ein Dazwischen: zwischen dem Vorschein eines einzelnen Körpers und eines Kollektivkörpers.

Irgendwann kommen sie gemeinsam auf dem Tisch liegend zur Ruhe. Ihre Körper liegen neben den Gegenständen – gleichen diesen, die alles sein können, alles wieder ins Rollen bringen können und gleichzeitig etwas zu einem skulpturalen Ende bringen können. Der Zustand dauert nur kurz an. Die einzelnen Körper werden wieder Bestandteil des anderen Körpers, schieben sich wieder über den Boden, nicht um etwas zurückzuholen, sondern um erneut diesen Zustand zu erforschen. Eine Reihe von Zuständen oder Gesten folgt, die man späterhin als Zuschauende benennen könnte, doch die genauso ohne Begriff mit bloßer Berührung als Fetzen einer Collage bleiben können. Die Collage wird zur zentralen Technik des Kleider-Übereinanderschichtens, die andere Sichtweisen, Bewegungsmöglichkeiten und Tragestrategien auf das sogenannte Kostüm werfen. Und auch die Gegenstände wirken immer wieder so, als würden sie aus der Bühnenkomposition herausgelöst und anders zusammengeklebt. Alles wird stets anders geschichtet. So reihen sich abgeschnittene Zustände aneinander oder überlappen sich: Irgendwann packen die beiden Performer*innen die Gegenstände trocken – wie tägliches Brot – vom Tisch in eine Tüte. Irgendwann und immer wieder ziehen sie zerfetzte, straßige und rohe Kleidungsstücke übereinander.

Alle Materialien – Kleidungsstücke und Gegenstände – erzeugen während der Performance eine Handlungsmacht. Wenn Zina Vaessen den Beckenknochen eines Rehs über ihr Gesicht stülpt, dann wird ihr Umhergehen ein anderes, ein vorsichtigeres, rehhaftes Gehen. Wenn sie immer wieder Zeitschriften anschaut, bekleidet oder unbekleidet, ist auch dies ein Zustand eines handlungsmächtigen Dazwischens: Als bildhafter Moment eines Bühnengeschehens oder ein sich selbst zugehöriger Zeitpunkt ohne Blicke von außen. Wenn Chelsea Reichert und Zina Vaessen die Gegenstände, die auf dem Tisch liegen, in Tüten packen und die Kleider in Taschen stopfen, scheinen die Materialien ihre Körper hinterherzuziehen. Das Hin- und Herschleppen von Materialien (be-)wirkt, als würden die Gegenstände immer wieder aus den Ereignissen geschnitten, um sie dann wiederum anders einzufügen, ohne dass Löcher zurückbleiben. Das alles ist verrückt und abgedreht schön! Ihre Interaktionen sind nicht erzählend, eher skulptural; sie sind mehr beobachtbar als lesbar. Durch das Unterbrechende wird alles lyrisch.

Die zeitliche Abfolge der Performance bringt Körper-Kleid-Gesten hervor, bei denen es nicht darum geht, was sie (be-)deuten könnten, sondern vielmehr darum, dass sie sich ereignen, abgebrochen, verbunden und beendet werden. Irgendwann streifen die Performer*innen wieder Unmengen an Stoff, Textil, Kleidung, Kostümen über ihre Körper und liegen damit hintereinander auf dem Bühnenboden. Dabei scheinen Körper und Kleidung radikal unabhängig, wenn sie sich zuckend und nestelnd scheinbar synchron hin- und herbewegen. Bei Chelsea Reichert erzeugen die Bewegungen immer wieder andere Schichtungen des Angekleidetseins, bei Zina Vaessen werden mit jeder Bewegung Schichten abgetragen. Augenscheinlich kommt jede Bewegung aus dem Stoff und gleichzeitig folgt das Stoffliche den Bewegungen des Körpers. So zeigt sich dieses Dazwischen auch in der Auflösung von Körper und Kleidung, wenn sich ein blau besticktes Pailletten-Kleid ähnlich eines bewegten Körpers an der Wand festhält, bevor der Körper von Zina Vaessen an der Wand lehnt oder wenn sich das Kleid an den Boden schmiegt, bevor dies Zina Vaessens Körper tut.

In der Performance „Different ways of being in“ sind Zustandserzeugnisse und -auflösungen empfindsam, still, schrill, verstörend und aufregend. Die Performance bleibt als Serie von Schnipseln zurück, die keine Chronologie erfordern, sondern als Collage choreografiert bleibende elektrisierende Zustände erzeugt. Alles schwingt mit und die Liebe zu allerlei Körpern wird dabei feinfühlig und (un-)fertig erforscht.

Künstlerische Leitung: Zina Vaessen

Tanz: Chelsea Reichert und Zina Vaessen

Dramaturgie und Co-Choreografie: Alice Gartenschläger

Outside Eye: Selma Koch und Tom Schneider

Relationen von Resonanzen

Die Performance “Walking away from an explosion in slow motion”, getanzt von Selina Koch, erforscht Echos von Bewegungen und Erschütterungen des Körpers. Ahmt dabei der Körper Explosionen nach oder wiederholt der Körper die Bewegungen des Echos? Selina Kochs Körper wird immer wieder in die Luft geschleudert, fällt zu Boden und ist schon wieder nahe an der nächsten Explosion oder dem Nachhall des Echos. Dabei handelt es sich allerdings um eine stetige Differenz zur Wiederholung. Wobei sich das bloße Wiederholen eines scheinbar explodierenden Körpers in tieferliegende Schichten eingräbt. Denn die scheinbaren Wiederholungen erzeugen stets Unterschiede. Sie werden singulär und einzigartig, auch wenn sie immerwährend in Relation zu Vorangegangenem ablaufen. Selina Koch wirft ihren Körper somit nur scheinbar in äußerster Ähnlichkeit immer wieder in die Luft, denn sie wandelt augenblicklich dabei das Auslösende zum Echo und den Nachhall zum Auslöser. Somit überschreiten sich die permanenten Wiederholungen immer wieder selbst.

Der flauschige Teppich, der über dem Tanzteppich liegt, ist dabei tröstlich. Fängt er doch all die Explosionen ab, die Selina Kochs Körper immer wieder dazu führen, sich auf ihn zu werfen. Manchmal scheint es, als würden die Explosionen vom grauen Teppich ausgehen und das graue Oberteil und den darin steckenden Körper nachhallen lassen. Wie fühlen sich ihre Landungen an? Hart, weich oder an den Teppich angeschmiegt? Wie erzeugt sie in ihrem Körper die sich stets wandelnden Relationen von Resonanzen? Selina Koch erforscht all dies sinnlich und zählt zähmend und nie zaghaft die Differenz der Aneinanderreihung auf.

Choreografie: Zina Vaessen und Selina Koch

Tanz: Selina Koch

Lichtdesign und Technik: Ingo Keil