by: Dr. Jutta Krauß

Wofür schwärmen?

Der Schwarm ist von Gabriele Brandstetter, die beim diesjährigen deutschen Tanzpreis geehrt wurde, schon sattsam beforscht worden. In ihrer Forschung überträgt sie Beobachtungen aus dem Tierreich auf Tänzer*innen und lotet damit Kollektive in Bewegung aus. Diese „Synchronisation von Bewegung“ (Brandstetter 2013) im Denken von „Schwarm-Modellen“ (ebd.) befragt das Bewegen in Gruppen abseits von hierarchischen Strukturen und beobachtet die Bewegungsmuster, die sich am Anderen ausrichten (ebd.). Ebendies versprüht „shake the silence. Tänzerisches Experiment über Frieden“, choreographiert von Julia Klockow, im großen Saal des E-WERKs. Dabei fasziniert das Dazwischen: zwischen Formen und Freiheiten, zwischen dem Individuum und dem Kollektiv. Auch heute ist diese Faszination immer noch bedeutsam, so wie der alljährliche Blick gen Himmel, der den davonfliegenden und wieder zurückkehrenden Vogelschwärmen folgt. Dabei spiegelt sich in diesem Vergleich Vielfaches wider: die Sehnsucht nach dem sich Forttragenlassen, die Vorstellung von Formen, die ausfransen dürfen und dieses Mäandern zwischen Kollektiv und Individuum.

Die Gruppe, 36 Menschen im Alter von 22 bis 78 Jahren, welche von Klockow zum Mitmachen eingeladen wurden, schreibt vielfache Wege in den Bühnenraum, der flach in den Zuschauerraum übergeht. Auf ihren Wegen wiegen sich die Mitmachenden zu unterschiedlichen Klängen in gleichförmigen Bewegungen. Zuerst zitternd, dann sich schüttelnd und späterhin rennend. Die Einheit des vordergründig Vielen zeigt sich in geteilten Bewegungen, die sich im Schwarm der Tänzer*innen ausbreiten und weitergetragen werden. Es sind einfache Bewegungsmotive, die manchmal von einem Tänzer*innenkörper ausgehend, auf alle anderen überschwappt. Dann werden Arme zu dynamischen Kreisen oder die zum Boden sinkenden Körper zu Flächen, die sich beim langsamen Aufstehen zu dreidimensionalen Körpern im Raum ausbreiten. In ihren gemeinsamen Streifzügen durch den Bühnenraum loten sie sich selbst (egal welches Selbst das ist oder sein könnte) und ihr Kollektiv aus. Manchmal ist der Kollektivkörper dreigeteilt zu sehen und ganz nah an dem dreigeteilten Zuschauerraum, wodurch die Blicke der Zuschauenden von einem Kollektiv-Fetzen zum anderen flattern können. Ihr Gehen, Rennen, schüttelndes Schlendern durchmisst den Bühnenraum und formt darin stets andere Räume: kugelige Kollektivräume, monolithische Linien oder ausfransende Verästelungen. Alles ist dabei von Formen durchdrungen, denen stets die Freiheit des Ausbrechens innewohnt. So gehen sie über den Tanzboden, in einem Tanz, der durch alle Körper geht. Bei ihrem Zusammentreffen entwickeln sie Gemeinsamkeiten, wie das Schütteln der Arme, das Vielfalt zeigt und Einklang erzeugt. In ihrem Zusammentreffen und im Zusammenspiel mit dem großartigen Percussionisten Moritz Sasowski drücken sie ihr In-die-Welt-gestellt-Sein und ihr In-der-Welt-Umhergehen aus, als körperliche Beziehungen untereinander, zueinander und als den Zuschauer*innen Zugewandte. So schwappt der Tänzer*innen-Schwarm auf die Zuschauer*innen über, als sie sich entlang des scheinbaren Bühnenbodenendes an den drei Zuschauerseiten in einer Linie, mit dem Gesicht zu den Zuschauenden gewandt, aufstellen und ihre Hände ausstrecken, diese betrachten, in dem sie ihre Handflächen nach oben drehen und sie zaghaft den Zuschauenden entgegenstrecken. Sie beginnen diese Bewegung gemeinsam und doch in ihrem Selbst stehend (als offene Suchformel denkend, was dieses Selbst alles sein könnte), unterschiedliche Formen der Beziehung aufnehmend. Barfuß und mit bloßen Händen reichen sie ruhig Momente der Berührung und entfalten Möglichkeiten des Berührtwerdens. Zina Vaessen, welche dramaturgisch an „shake the silence.“ mitgearbeitet hat, brachte zusammen mit Julia Klockow die Wege des Schwarm-Kollektivs und die daraus erwachsenden Resonanzachsen hervor. Es sind übersichtliche Bewegungsformen, welche sich in Kugeln, Flächen und Linien erstrecken. Diese einfachen Formen gehen sinnstiftende Beziehungen ein. So wie die Keilform eines Vogelschwarms hilft, Energie zu sparen, verhelfen die Formen des Kollektivkörpers einem friedlichen Zusammensein. Die Wege der Körper folgen klaren choreographierten Plänen und musikalischen Orchestrierungen, welche Verhaltensweisen des Aufeinanderzugehens – ganz klar sichtbar – ausstellen: So stehen sich in einer Szene die Tänzer*innen in zwei Reihen gegenüber und gehen immer wieder aufeinander zu, um abgewiesen oder angenommen zu werden. Dies geschieht alles ohne ein elaboriertes Bewegungsvokabular, sondern mit Gesten des (europäisch geprägten) Alltags. Das Motiv des Anlehnens, welches sofort erkennbar ist, zeigt Körper, die sich immer wieder an andere Körper anlehnen, um späterhin das Angelehntsein wieder aufzulösen, um in neuen Konstellationen den Kopf auf die Schulter eines anderen zu legen. Damit, und mit anderen Bewegungsmotiven, handeln die Tänzer*innen immer wieder ihre Schwarmformen aus und bewegen sich in wiederholbaren Bewegungen durch den Raum.

Die Formen der Beziehungen, welche stets in einfachen, geformten Bewegungen – sie scheinen so einfach wie das Atmen selbst – zum Ausdruck kommen, unterliegen erkennbaren Motiven, wie das schnelle Auflösen von Kugelkollektiven, aus denen Tänzer*innen ausbrechen, um neue Plätze einzunehmen, gefolgt von all den anderen. Das Spiel des plötzlichen Anhaltens und Beschleunigens gleicht angehaltenem oder raschem Atem und ermöglicht damit eine Teilhabe aller im Raum Befindlichen, so als würden sie alle gemeinsam gehen und atmen, so als könnten sie gleichsam aufstehen und dem Schwarm hinterherziehen. Dafür schwärmen sie. Und darin liegt letztendlich der Gegenstand der Aufführung, als „ein kollektiver friedlicher Tanzkörper“ (Programmheft), der Praktiken des Miteinanders zelebriert und vertraute Praktiken des Choreographierens im Schwarm-Modell aufgreift, nicht um Denkfiguren übertrieben zu nutzen, sondern um mit glitzernden, grellfarbigen, glamourösen Alltags-Kleidern unter einer fehlenden Discokugel friedlich die Möglichkeit des Miteinanders körperlich und klanglich zu erforschen.


Anfängliches Zitat aus:

Rudorf, Julia (2013): Interview mit Gabriele Brandstetter. Wie sich die Rolle der Tiere im Tanz gewandelt hat, (online), https://www.fu-berlin.de/presse/publikationen/fundiert/2013_01/05_rudorf/index.html, (Zugriff am 22.03.2026).


Zur Produktion

Im Rahmen des Formats „Tanzschreib-Zirkel“ in Kooperation mit dem E-WERK Freiburg beauftragt das Tanznetz Freiburg Nachwuchs-Schreiber*innen mit Texten zu allen Freiburger Tanzproduktionen, die im Jahr 2026 am E-WERK Freiburg Premiere feiern.