tanzwuchs#9 Okt 2025

by: Rachel Oidtmann

Wie alltäglich ist die Liebe

Eine Hand steht in der Luft, kurz oberhalb einer Hüfte, die nicht zu ihr gehört. Ihre Beugung nimmt die Form des Körpers vor sich auf. Sie wirkt zögerlich, obwohl sie ihr Ziel augenfällig schon gefunden hat. In einer Mischung aus Unsicherheit und Spiel bleibt sie in der Schwebe und scheint trotzdem schon längst zu berühren. Im gleichen Moment, in dem sie sich zurückzieht – entmutigt, neckend oder irgendwo dazwischen –, setzt auch die Hüfte sich wieder in Bewegung. Die beiden Körper fallen und fangen sich im gleichen Rhythmus. Trotz ihrer suchenden Haltung zueinander wirken sie eingespielt. Der Kontakt zwischen ihnen ist längst etabliert, wird nur auf physischer Ebene noch nicht ausgeführt. Der Weg bis zur ersten Berührung ist wie ein Spiel – jeden Tag aufs Neue.

„Wir stehen auf“ ist das vierte Stück des Abends und kommt laut Programmzettel vielleicht am unscheinbarsten daher. Es geht – ums Aufstehen. Dahinter lässt sich keines der großen Themen, die aktuell die Welt bewegen, eher eine kleine bis intime Studie der Zweisamkeit erahnen. Und genau das ist „Wir stehen auf“ auch: Eine Liebeserklärung. Doch ganz nebenbei entwickelt das Stück eine unerwartete Zugkraft.

Vor dem Aufstehen steht zunächst ein Fall: Eva Krause und Mira Urbassek, Choreograph*innen und Performer*innen zugleich, stehen einander gegenüber und lassen sich rückwärts zu Boden sinken. Ein erster Versuch des gemeinsamen Aufrichtens endet im Nebeneinanderliegen. Schließlich klappt es aber – wie im Titel angekündigt – doch noch mit dem Aufstehen. In der Folge lassen die zwei Körper sich immer wieder wie an einem unsichtbaren Faden miteinander verbunden in den Raum fallen, um sich dann selbst wieder aufzufangen. Unterbrochen wird diese Dynamik von gemeinsamem Pausieren, von Hineinspüren in das, was da in und zwischen ihnen wabert. Berührung findet zu diesem Zeitpunkt noch keine statt, doch die Nähe zwischen den zwei Körpern ist dadurch nur umso deutlicher spürbar. Denn der Fokus der beiden bleibt immer aufeinander gerichtet, selbst wenn sie sich den Rücken zuwenden oder der Blick ins Publikum geht. Der Raum spielt dabei keine Rolle, er verdichtet sich auf die Gegenwart dieser zwei Körper in ihm.

Wie oder wann genau es passiert, ist nicht greifbar. Doch spätestens als zwei Hände sich mit höchster Konzentration ineinander verschränken, ist sie bei mir angekommen: Die Faszination für das Alltägliche, für diese kleinen Momente, in denen die ganz großen Gefühle wirken.

Es gibt wohl unzählige zeitgenössische Tanzstücke über die zwischenmenschliche Beziehung zweier Menschen. Viele schwanken von einem Extrem ins andere, von überwältigender Zuneigung über zunehmende Abhängigkeit bis zu den zerstörerischen Aspekten von Liebe und wieder zurück.

Nicht so hier. „Wir stehen auf“ bemüht weder große Worte noch Mittel. Es löst ein, was der Programmtext verspricht. Nicht mehr und nicht weniger. Aber gerade durch diese unverstellte Schlichtheit entwickelt es die Kraft, jedes Individuum im Publikum anzusprechen. Die immer spürbare, freudige Aufgeregtheit der Performer*innen ist ansteckend. Besonders stark wirkt dabei ihre Mimik, die entwaffnend authentisch und nuanciert die Freude des täglichen Zusammenfindens und gegenseitigen Wiederentdeckens spiegelt. So wird nicht nur der Akt des Aufstehens als alltäglicher – und seien wir ehrlich, gar nicht mal so geliebter – Moment, sondern auch der tägliche Start ins Zusammensein mit einem anderen Menschen und eine damit einhergehende ständig erneuerte gegenseitige Bejahung erzählt. Es könnte kitschig sein, aber es ist schön. Es könnte albern wirken, macht stattdessen aber einfach Spaß.

Einzig, dass ausgerechnet im Moment der ersten körperlichen Berührung das Lied „Nunca vas a comprender“ („Du wirst nie verstehen“) einsetzt, trübt diesen Spaß. Denn während die Melodie die liebevoll zugetane Zweisamkeit auf der Bühne rhythmisch umrahmt, trägt der Text einen melancholischen Rückblick auf eine unerwiderte Liebe in den Raum. Dass die zwei Körper auf der Bühne sich fortan individueller und mit mehr Raum zwischen einander bewegen, könnte auf diesem Hintergrund auch als Anfang eines Endes gelesen werden.

Ich nehme das wahr – und lasse den Gedanken gleich wieder verpuffen. Denn egal, ob dieser Moment als Ironie, Sarkasmus, Blick in eine frühere Vergangenheit oder allen Umständen zum Trotz gedeutet werden kann, an diesem Abend bleiben das Knistern und die gegenseitige Freude am Anblick der anderen bestehen. Die abschließende Body-Percussion, die durch das synchronisierte und wiederholte Hinlegen und Aufstehen der Performer*innen entsteht, reicht mir als Beweis: Ja, Aufstehen kann anstrengend, ungelenk und sogar schmerzhaft sein, aber auch ebenso aufregend und lustig!

Denn wer möchte nicht Morgen für Morgen mit einer so durchweg zugewandten Neugier aufstehen, um dann im Rhythmus dieser Zweisamkeit durch den Tag zu gehen?

Ich jedenfalls spüre auf dem Heimweg, wie mich ein Funke dieses Glücksgefühls begleitet und tatsächlich bis zum nächsten Morgen anhält, um mir den Wert dieses zu Unrecht unbeliebten Moments in Erinnerung zu rufen.