Wasser fließt gurgelnd über abertausend Steinchen, fällt über Steinkanten rauschend und unaufhaltsam in die Tiefe, bahnt sich seinen Weg durch meandernde Flussbetten bis ins Meer. Dieses Kurz-Tanzstück erzählt von der Transformation im gleichbleibenden Fluss. Langsam werden zwei Körper im Profil sichtbar, sie stehen Rücken zu Rücken, ihre Silhouetten zeichnen sich dunkel gegen das schummrige Licht ab. Ein Heben und Senken ihrer Brustkörbe, jede*r im eigenen Rhythmus: Luft in sich aufnehmen und wieder ausstoßen, und wieder aufnehmen und wieder ausstoßen – ihr Atmen steigert sich, wird hörbar, findet nach und nach den gleichen Takt. Die Bühne erhellt sich und die beiden Performer*innen Mare-Blue Sahiti und Valeria Tolonen, Choreograph*in des Tanzstücks “Reverse Waterfalls”, nehmen mit immer kraftvolleren Armbewegungen nicht nur die Luft, sondern scheinbar auch den Raum in sich auf, verschlingen ihn, um ihn sogleich mit einem lauten Atemstoß wieder von sich zu schleudern.
Im sich wiederholenden Aufnehmen und Loslassen erkenne ich alltägliche körperliche Abläufe: Lebensnotwendigerweise atmen wir Luft ein, trinken Wasser, setzen die darin enthaltenen Stoffe in andere Stoffe um und geben wieder ab, was wir nicht brauchen. Aus vielen ineinandergreifenden Kreisläufen bestehend sind wir stets mit dem Außen im Austausch.
Das Außen, das sind wir Zuschauenden - zuerst finden die Performer*innen sich gegenseitig über den Rhythmus ihres Atems und ihrer aufstampfenden Füße und uns dann mit ihren Blicken. Sie brechen damit aus ihrem Kreis-Lauf aus und laufen doch im Kreis über die Bühne. Das sich wiederholende Atemholen findet seinen Höhepunkt: die bisher offenen Hände ballen sich zu Fäusten und die Körper stoßen sich in einem kriegerisch anmutenden Sprung in die Luft. Sich einem Wasserfall entgegenzustellen, ihn umzukehren, entgegen der Schwerkraft, den Kreislauf zu durchbrechen, wie es der Titel “Reverse Waterfalls” ankündigt - das braucht eine Menge Kraft, wie es dieser Sprung zu sagen scheint.
Welchen Kraftaufwand braucht es, um einen ewig währenden Kreislauf wie den des Wassers zu durchbrechen? Das Aufbrausen des Sprungs wird im nächsten Moment wieder zum Element eines nächsten Bewegungskreislaufes. Es etablieren sich Zäsuren und Richtungen in den Bewegungen, ein Zeigen mit dem Finger zur Seite, ein Fuß-Stampfen, ein Fließen durch die diagonal ausgestreckten Arme, ein Aufrollen mit den Händen. Die Abfolgen minimalistischer Hand- und Armbewegungen mit darauf abgestimmten Kopfwendungen sind wie präzise Arbeitsschritte, die in immer wiederkehrender Folge minutiös ausgeführt werden.
Sie erinnern an Matrosen auf einem Schiff, an ein Hinweisen, ein Ausbreiten des Segels im Wind, das Ein- oder Ausrollen von Seilen, feste Schritte an Deck bei hohem Wellengang. Gerade noch im Gleichklang, verschieben die Tänzer*innen ihre Bewegungsabläufe gegeneinander im Kanon. Jedes kleine Ausbrechen aus dem Rhythmus scheint ein Versuch der Transformation, von der auch im Programmtext die Rede ist. Und doch gliedert sich die Veränderung wieder in einen größeren Ablauf ein, wie der Glockenschlag einer Uhr, die danach wieder in ihren gewohnten Rhythmus verfällt. So gleicht der weitere Ablauf des Stückes eher einem gleichmäßig dahinfließenden Dorfbach, als einem tosenden Wasserfall. Ohne größere Einschnitte fließt die Zeit mit den Bewegungen der Tänzer*innen dahin bis zum Ende des Stückes, wobei ein Aufbegehren gegen den Strom ausbleibt. Sind wir überhaupt zu wahrer Transformation fähig, so gefangen, wie wir in unseren Abläufen sind? Es stimmt, jeder Tropfen Wasser fließt irgendwann zurück ins Meer, der Kreislauf bleibt bestehen, aber die Landschaft verändert sich stetig und wir uns mit ihr.