Eine rote Plüschjacke betritt die Bühne des Südufers. Ich sitze in der letzten Reihe, habe mich gerade eingerichtet, und meine Augen haften sofort auf Dagmar Ottmann. Sie wird als Erste des Abends ihr Solo „Cloe?“ performen, an dem sie unter anderem mit Smadar Goshen als dramaturgischer Mentorin gearbeitet hat.
Barfuß, mit dem Rücken zum Publikum, beginnt sie mit raumgreifenden Bewegungen. Die Arme schnellen in verschiedene Richtungen, um sich dann zu verlangsamen und wieder Anlauf zu nehmen. Der rote Plüsch öffnet sich wie ein großes, weiches Herz, und darunter kommt ein weißes Korsett zum Vorschein. Das Korsett verschlingt Ottmanns Rippen, und die Körbchen liegen auf ihren Schulterblättern auf. Mit jedem Blinzeln scheint sich ihr Körper von vorne und dann doch wieder von hinten zu zeigen. Die Performerin wirft Blicke über ihre linke Schulter ins Publikum, zeigt ein Repertoire an Grimassen. Es wirkt wie ein lustiges Spiel - oder ist es eher ein Trauerspiel? Ich spüre den schmalen Grat zwischen Tragik und Komik, als ich die ersten Lacher im Publikum höre. Kopf, Oberkörper, Arme, Beine, alles scheint einen komplett eigenständigen Weg zu gehen. Wie bei einem Picasso-Gemälde sehe ich ein Wesen aus Fragmenten, das mich fragend, wütend, verunsichert und gütig zugleich anblickt. Fühlt es sich genauso zersplittert an, wie es aussieht? Soll es uns bewusst verwirren oder einfach unsere Wahrnehmung schulen, genauer hinzusehen? Einen Rücken, der normalerweise mit Schutz und Halt in Verbindung gesetzt wird, so offen und verletzlich zu sehen, zeigt eine ganz neue Dimension auf.
Ein Wendepunkt war für mich der Kuss. Ein kurzer, spitzer Kuss auf ihre Hände, wie ein Ritual, mit dem sie sich selbst etwas verspricht. Zu Regengeräuschen, die Teil des Sounddesigns von Christian Herrmann sind, geht Ottmann in eine flüssige Phrase über, in der sie klassische und zeitgenössische Elemente miteinander verwebt. Dieser, der mittlere Teil des Stücks, wirkt auf mich, weit hinten sitzend, nahbarer, auch wenn der Bezug zum Publikum fast gänzlich verschwindet. Ich habe das Gefühl, einen kurzen Einblick in eine alltägliche Praxis der Performerin zu bekommen. Einen intimen Moment, den sie mit uns teilt.
Zum Ende des Stücks rutscht Ottmann in einen Spagat und versucht, sich in dieser Position von der Bühne zu robben. Es wirkt wie ein lebendig gewordenes Fantasietier, bei dem nicht bedacht wurde, wie genau es sich fortbewegen soll. Der Plüsch, das weite Herz, ist kaum noch Teil meiner Wahrnehmung. Das Publikum lacht wieder. Dabei sitzt die Performerin in einer Position, die jahrelange Übung erfordert. Sie scheint darin gefangen zu sein. Ob sie wirklich einen lustigen Abgang machen wollte? Am Ende erlischt das Licht sehr schnell. Ich weiß nicht, wie lange ich es ausgehalten hätte, ihr bei der schwerfälligen Bewegung zuzuschauen, ohne den Schmerz in mir zu spüren.
Wer oder was ist Cloe? Die Performerin lädt zu einer Suche ein, die Wahrnehmungen aufbricht und uns ermutigt, in eine Tiefe zu gehen.