Kurze Haarsträhnen fallen wie ein offener Vorhang ins Gesicht, durch den ein verschmitztes Lächeln hervorlugt und verrät: Hier laufen chemische Prozesse von Oxcytocinausschüttung ab. Oder einfach gesagt: Hier soll es um Liebe gehen.
Mira Urbassek und Eva Krause befinden sich sitzend nebeneinander. Schüchterne Blicke, ein flüchtiges Anschauen durch die imaginierte rosa-rote Brille, bevor sie sich zögernd den Publikumsaugen widmen. Der Atem wird tiefer und der Raum spürbar wärmer. Es geht ein fast lautloses Raunen durch die Reihen, als die Blicke durchdringlich das Publikum einnehmen, bevor dieser Prozess wieder auf die beiden Tänzerinnen zurückgeworfen wird. Allmählich kommen sie sich näher, ohne sich jeweils erneut aus den Augen zu lassen. Zu sehr könnte eine filigrane Bewegung des Gegenübers unbeobachtet verbleiben. Ohnehin gibt es auch nur eine Blickrichtung, und zwar gen des Hollywood-Spotlight-Bühnenscheinwerfers, der den Fokus der Augen der Zuschauer:innen vorgibt, lenkt und leitet.
Die beiden Tänzerinnen sind vom Lichtzirkel umgarnt, während sie sich mehr und mehr gegenseitig zuwenden. Mimiken, die sich strahlend öffnen, als wolle man vor Herz leise und mutig explodieren. Zartheit, die sich findet im ersten gemeinsamen Aufstehen. Eine langsame und behutsame Abfolge von stetigem Liegen und Aufstehen, Anschauen, Aufstehen, Probieren, Wackeln und Stehen – bis zum erneuten Erliegen. Erhaben glückt ihnen allerdings bereits dieser erste fragile Drahtseilakt zwischen Rhythmus und synchroner Annäherung. Sie üben, erfahren und gewinnen ihre Sicherheit in der Wiederholung, die sich langsam und souverän ergibt. Kreisend bewegen sie sich um ihren gegenseitigen Mittelpunkt. Eva Krause und Mira Urbassek probieren sich aus im Gleichschritt ihrer Beziehung.
Ein weiteres Aufstehen mündet im Gegenüberstehen als die Musik beginnt: „Nunca vas a comprender“, du wirst nie verstehen.
Und mit dieser fatalistischen Wendung der Soundkulisse findet die erste tänzerische Berührung statt. Mit dieser erhellt sich der Raum wie im Morgenrot, wenn sich langsam das Licht orange-sonnig auf die Bühne legt. Die Chemie der beiden Tänzerinnen ist beißend süß, als wären die beiden ein Anagramm desselben Subjekts. Der Tanz gewinnt wortwörtlich an Bodenhaftung und ich komm nicht umher: „Baby, my sweet baby, you’re the one“, als stünden Patrick Swayze und Jennifer Grey von Dirty Dancing vor mir, während sie sich spielerisch näherkommen. Plötzlich bricht die Routine, nicht bitter, sondern mutig und bestimmt, in ihren eigenen Soli, die weiterhin unter der Beobachtung der Partnerin steht. Das Leben und die Liebe mögen sogar individuell weitergehen, selbst nach gemeinsamem Aufstehen, solange die andere Person dies bewundert beäugt. Als die spanische Musik endet, stoppt auch erneut der Gleichschritt, der sich durch das rhythmische Vorgehen manifestiert hat. Man ist sich an diesem Punkt sicher, das Aufstehen gelingt.
Als sich das Tanzstück zur selbsternannten Liebesetüde entpuppt, denke ich darüber nach, wie banal die Liebe sein mag und folglich, warum das Wort Banalität sich unverhofft als Erstes in meine Wahrnehmung drängt. Zumal diese Begrifflichkeit doch mächtig negativ aufgeladen ist: „Banalität beschreibt eine Belanglosigkeit, Trivialität oder Oberflächlichkeit“, sagt mir das Internet. Doch diese erste Assoziierung, die mich touchiert, dringt wie ein Schuss, ein Bruch, eine Eingebung vor und knabbert all meine so gut gehegten Glaubenssätze an.
Was ist der Unterschied zur Einfachheit? Und weshalb ist eigentlich alles immer so verdammt mystifiziert? Hach, ich hatte dafür doch selbst immer ein Faible. War eine Verfechterin für das Komplexe, das Schwierige. Aber werfen wir einen Blick auf die Weltlage wird uns schnell klar, dass alles um uns herum schwierig ist, sehr schwierig. Muss ich da noch beisteuern mit meiner eigenen kleinen verklausulierten Welt?
So banal ist die Liebe. Diese erste Assoziation ist so mächtig, dass ich alles durch diese Brille sehe. Ist es nun schon so weit, ist es nun endlich so weit, dass ich die Liebe vereinfachen darf? Und weshalb freunde ich mich an, verliebe ich mich gar in dieses Wort? Es zeigt mir Wachstum, Stärke und eine Neujustierung des Romantischen. Habe ich es nun geschafft? Habe ich es denn nun wirklich geschafft die Liebe so betrachten zu dürfen? Und hat sich alle Arbeit an den so tiefvergrabenen Glaubenssätzen ausgezahlt?
Die Redundanz, der Alltag, der sich im gemeinsamen Aufstehen manifestiert, im Gleichtakt, im Kleinen, in Gewohnheiten, die entstehen. Sie sind alle längst nicht mehr so angsteinflößend öde. Liebe, die neu gedacht wird. Liebe in Wiederholung und Gemeinschaft, die sich ausgiebig ergibt. Potenziale, die durch Gewohnheiten entfacht werden und der Zusammenhalt in den Gleichschritt der Simplizität mündet. Man sagt, eine Gewohnheit aufzubauen dauert 21 Tage. Drei Wochen gemeinsam Aufstehen. Vielleicht ist das das Geheimrezept.
Eva Krause und Mira Urbassek zeigen den simplifizierten Alltag der Liebe, der bereits Gewordene, der im Entstehende, das Prozesshafte, an dem wir an diesem Abend teilnehmen und ihm beiwohnen. Sichtbare Liebe, die sich selbst observiert und rhythmisiert, bis zum Ende, als sie uns heroisch und doch zerbrechlich in die Augen blickt, als wäre es an uns, unsere Praktiken zu revolutionieren. Beinahe provokant und doch versöhnlich blickt uns die Liebe ins Gesicht und trifft uns plötzlich im Mark: Oder ist die Liebe doch nicht so banal?