by: Sabine Raun, Festival-Blog Performing Democracy

Picknick der Kulturen

„Fampitaha, Fampita, Fampitàna“ - übersetzt bedeutet dieses madagassische Wortspiel: Wettstreit, Vergleich, Weitergabe, Teilen. Ausgehend von zwei kreisrunden Kostümteilen, die sich am Boden ausbreiten wie Picknickdecken, entsteht eine Atmosphäre, die an ein gemeinsames Picknick im Grünen erinnert. Doch was wird hier eigentlich geteilt? Das Stück eröffnet einen Raum des Miteinanders, in dem das Teilen selbst zur choreografischen Praxis wird.

Die dargebotenen Speisen: im vorderen linken Eck ein Schlagzeug, eine Loopstation, eine E-Gitarre mit einem Musiker in farblosem Kostüm, dessen Brust silberglitzernde Sterne zieren, kontrastiert von drei Tänzer:innen in farbstarken, barockinspirierten Kostümen im Zentrum.

Die an den Speisen verwendeten Gewürze: Worte, Sprache, Klänge, Melodien, Rhythmen, Tanzstile, Bewegungen, Zungenbrecher, Märchen, Lieder, Farben, Formen, Licht, Schatten, Raum, Zeit.

Die Herkunftsorte der dargebotenen Speisen und Gewürze: Madagaskar, Haiti, Guadeloupe, Martinique, Frankreich, Belgien und das grenzenlose Land der Phantasie.

Die Tradition des „Pique-Nique" entstand im adligen Frankreich des 17. Jahrhunderts, also zu genau der Zeit, in der das Tanzstück inhaltlich beginnt: als die Kolonialisierung von Ländern wie Madagaskar, Haiti, Martinique und Guadeloupe durch westliche Zivilisationen ihre Hochzeit hatte. Dargestellt durch die barock inspirierten Kostüme und die höfisch inspirierten Tanz- und Musikbewegungen, die sich im Laufe des Stücks immer mehr den in den Körper- und Sprachgedächtnissen der Tänzer:innen verborgenen kulturellen Wurzeln forschend anzunähern versuchen.

Der französische Adel hatte zur Zeit der Kolonialisierungen mit dem Pique-Nique" das gemeinsame Schmausen im Freien als Konzept des Teilens für sich wiederentdeckt, das doch eigentlich nomadischen Ursprungs ist und hier einer freiwilligen kulturellen Aneignung durch eine sehr sesshafte Kultur entsprach. Im Stück selbst geht es hingegen um das Teilen und Erkunden der unfreiwilligen, der aufgezwungenen kulturellen Aneignungen, der die madagassische, haitianische, guadeloupische und martiniquische Diaspora im Laufe der Zeit zu Lasten des Verlusts und des Vergessens der eigenen kulturellen Wurzeln unterworfen waren.

Über das Ausgraben und Sichtbar-, Hörbar- und Spürbarmachen von verlorengegangenen, aber auch von aufgezwungenen kulturellen Details in Sprache, Musik, Kleidung und Bewegung lotet das Tanzstück die Identitäten der Performer:innen aus. Auf musikalischer Ebene setzt es dabei chronologisch in der Kindheit an. Durch die Intonierung eines besänftigend klingenden Kinderlieds in madagassischer Sprache. Das Lied wird von den Tänzer:innen im Wechsel vorgetragen. Es weckt universelle Erinnerungen an die Lieder der eigenen Kindheit. Auch darin klingt bereits ein Suchen nach Details an. Denn die etymologischen Bedeutungen des Begriffs „Pique-Nique", die im Picken oder Graben nach Kleinigkeiten, nach Details, nach Nichtigkeiten, aber auch im Suchen und Verorten seiner eigenen Nische, seinem eigenen Revier zu finden sind, klingen vielfach im Stück an: sowohl in den Bewegungen der Tänzer:innen, als auch in den zahlreichen thematischen, optischen und akustischen Details. Es sind allerdings keine Nichtigkeiten nach denen hier gegraben wird, auch wenn das Stück sich bisweilen in zu vielen Details verliert. Die Zuschauer:innen tun gut daran, aus all den dargebotenen Speisen des Picknicks nur diejenigen zu wählen, die ihnen am besten munden und die ihrem Magen bekömmlich sind.

Fast unbemerkt haben sich die zwei kreisrunden Picknickdecken plötzlich in ponchoartige Kleidungsstücke der Tänzer:innen verwandelt. Das Stück beginnt, sich von einem Tableau in ein Tanzstück zu wandeln. Die um das eigene Zentrum derwischartig kreiselnden Tanzbewegungen, die innerhalb der verschiedenen Tanzstile immer wieder im Tanzstück auftauchen, suggerieren die Konzentrierung auf den Inneren Kern, das Wesentliche, aber auch die Verbindung mit dem größeren Ganzen. Unter den fliegenden Picknickdeckenponchos werden verborgene Schichten von Kleidung sichtbar. Diese verweisen auf verschiedene kulturelle Einflüsse. Auf jene, denen die Tänzer:innen und ihre Vorfahren im Laufe ihres Lebens und im Lauf der Zeiten ausgesetzt waren. Im Verlauf des Stücks entledigen sich die Tänzer:innen dieser Schichten nach und nach. Sie streifen sie ab. Bis sie modisch in der Gegenwart ankommen. Und schließlich durch futuristisch anmutendes Schuhwerk in eine noch unbekannte, ferne Zukunft weisen.

Die virtuose Musikalität des Gitarristen führt durch den Abend. Von hier gehen alle tänzerischen und auch alle poetischen und spracherkundenden Impulse aus und hierher kehren alle diese Impulse wieder zurück. Wie hypnotisch von den Klängen des Musikers angezogen muten die immer wieder in dessen Nähe kriechenden Körper an. Ähnlich wie auch einst die Seefahrer der betörenden Wirkung des Sirenengesangs trotzen mussten, um sich von ihm nicht vereinnahmen zu lassen und infolgedessen unterzugehen und nur Orpheus dies geschafft hat, indem er gegen die Sirenen so lautstark ansang, dass er sie übertönte, so singt die Choreografin Soa Ratsifandrihana in ihrem Stück gegen den Untergang der eigenen Kultur an, indem sie der vereinnahmenden westlichen Kultur ihre eigene Kultur ebenbürtig gegenüberstellt. Die Zukunftsperspektiven, die in dem Stück durch das futuristisch anmutende Schuhwerk der Tänzer*innen eröffnet werden, lassen darauf hoffen, dass sich dieser Wettstreit der Kulturen zukünftig in ein gleichberechtigtes, respektvolles Teilen wandeln wird – bei einem gemeinsamen „Picknick der Kulturen".


Der Text entstand ihm Rahmen der das Festival "Performing Democracy" begleitenden Schreibwerkstatt in Kooperation mit dem E-WERK Freiburg,dem Theater im Marienbad und dem Theater Freiburg.