Wir, sechs Schreibende, begleiteten das Showcase des Festivals mit kritischen Texten – aus verschiedenen Perspektiven, mit unterschiedlichen Stimmen. Diese Schreibwerkstatt versteht sich dabei nicht als Ort des isolierten Urteilens, sondern als gemeinsamer Denk- und Aushandlungsraum, als erlebender Körper im Festival: Wir tauschen uns aus, hören zu, widersprechen uns und lassen diese Differenzen bewusst stehen. So entstehen Texte, die nicht auf eine einheitliche Meinung zielen, sondern Vielstimmigkeit sichtbar machen und schließlich auch das eigene Verständnis von Demokratie im Journalismus herausfordern. Mit etwas Abstand blicken wir nun auf das Festival zurück und fragen: Was ist geschehen, welche Leerstellen zeigen sich – und inwiefern wurde Demokratie hier zugleich erfahrbar, verhandelt und in Momenten auch praktisch erprobt?
«Performing Democracy» – Demokratie verwirklichen. Ein vielversprechender Anspruch, den das Festivalthema in den Raum stellt. Für ein Resümee darüber, ob das Festival diesem Anspruch gerecht wurde, ist es erst einmal erforderlich, dem Begriff Demokratie auf den Grund zu gehen. Aus dem Griechischen übersetzt bedeutet dies „Herrschaft des Volkes“ und impliziert damit die Partizipation bzw. Teilhabe aller an der politischen Willensbildung. Diese Teilhabe beginnt bei einem solchen Festival bei der Kuration: Bei der Auswahl der Stücke, der Auswahl der Spielorte, der Vernetzung und Kommunikation nach außen und bei der Reduzierung von Barrieren. Deutlich erkennbar, dass hier Barrierefreiheit nicht nur als Rollstuhl-Zugänglichkeit verstanden wurde, sondern jegliche Form der Behinderung mitgedacht wurde: Von Relaxed Performances über Audiodeskriptionen und Gebärdensprache bis hin zu Begleittexten in Einfacher Sprache, setzte das Festival in vereinzelten Momenten wichtige Akzente, die zukünftig noch weiter ausgebaut werden müssen.
In Bezug auf die Auswahl des Showcase waren die einzelnen Performances von vielfältigen Perspektiven auf das Thema des Festivals geprägt. Viele der gezeigten Arbeiten – etwa «Backyard», «Der Bleiche Baron», «ALL’ARME» und «Fampitaha, fampita, fampitàna» – widmen sich den drängenden und schmerzhaften Themen unserer Zeit. Diese Form der Aufklärungsarbeit ist unbestritten von höchster Wichtigkeit. Zugleich stellt sich jedoch die Frage, ob der Fokus ausreichend darauf lag, auch die produktiven, verbindenden Kräfte von Demokratie sichtbar zu machen. Denn eine demokratische Haltung speist sich nicht allein aus der Abwehr – aus der Furcht vor Faschismus oder autoritären Strukturen –, sondern ebenso aus der Erfahrung von Gemeinschaft, von Mitstreiten, von Freude. Gerade hierin liegt jedoch kein Widerspruch zu den schweren, fordernden Arbeiten des Festivals, sondern vielmehr deren notwendige Ergänzung. Denn die Performances sind keine leicht konsumierbare Unterhaltung, sondern nehmen ihren Bildungsauftrag ernst: Sie konfrontieren, irritieren und fordern heraus. In einer Stadt wie Freiburg, die kulturell bisweilen im Status eines viel beschworenen „Savoir Vivre” verharrt, kann diese Zumutung als produktiver Impuls gelesen werden – als Aufruf zu mehr Mündigkeit, zu kritischer Selbstverortung und letztlich zu aktiver Teilhabe. Doch genau hier wird die Leerstelle sichtbar: Wenn diese Form der Konfrontation nicht zugleich Räume eröffnet, in denen demokratische Praxis auch als gemeinschaftliche, empowernde Erfahrung erfahrbar wird, bleibt sie unvollständig. «Songs of the Wayfarer» konnte mit seinem zarten Appell an Mitgefühl dieser Beklemmung wenig entgegensetzen. Einzig «DIE BEWEGUNG» schuf einen Moment, in dem sich Freude in der Gemeinschaft entfalten konnte – und gerade darin lag ein demokratisches Potenzial: im geteilten Erleben, im temporären Kollektiv, im Gefühl, Teil eines größeren Zusammenhangs zu sein.
Eine stärkere Verbindung dieser beiden Ebenen – der kritischen Auseinandersetzung und der affektiven, gemeinschaftsstiftenden Erfahrung – könnte dem Festival in Zukunft ermöglichen, seine politische Dimension zu vertiefen. Denn gerade im Zusammenspiel von Irritation und Freude, von Konfrontation und Ermächtigung entfaltet Demokratie ihre Wirksamkeit: nicht nur als zu schützendes System, sondern als gelebte Praxis. In diesem Sinne darf auch die irritierende Parallele zwischen dem autokratischen Herrscher im “Bleichen Baron”, dem durch ein Einhorn absolute Macht verliehen wird, und dem frisch wiedergewählten Oberbürgermeister Freiburgs, Martin Horn, gelesen werden, der mit Slogans wie „Ein Horn für Freiburg“ und märchenhaft inszenierter Bildsprache um Zustimmung warb. Während das Festival komplexe demokratische Aushandlungsprozesse verhandelt, bleibt die sichtbare Präsenz städtischer Vertreter*innen jedoch auffällig gering. Gerade sie wären gefragt, kulturelle und soziale Teilhabe stärker zu ermöglichen und zu fördern – denn diese bildet das Fundament einer Demokratie, die nicht nur gedacht, sondern auch erlebt werden kann.
Während des Festivals wurde offensichtlich, dass eine der größten Herausforderungen darin besteht, den Begriff der Demokratie zu hinterfragen und zu reflektieren, da man nicht davon ausgehen sollte, dass wir alle dasselbe Verständnis dieses Begriffs haben. Die Demokratie und ihre Definition müssen unter Berücksichtigung verschiedener Perspektiven und Interpretationen betrachtet werden. Diese Auseinandersetzung – die programmatisch im Rahmenprogramm des Festivals etwas zu kurz kam – führt uns vielleicht zu der Erkenntnis, dass Demokratie kein absoluter Begriff ist, sondern dass sie und ihre Ausgestaltung in ständiger Spannung und Bewegung stehen und dass wir vielleicht gar nicht von Demokratie im Singular sprechen sollten, sondern von Demokratien im Plural. Diese Pluralität wäre bereits eine Erweiterung unseres Horizonts und der Art und Weise, wie wir uns selbst im Verhältnis zu den anderen verstehen. Doch wie soll diese Aushandlung fernab der Stücke passieren, wenn die größte Herausforderung von «Performing Democracy» darin besteht, die Teilnahme für alle oder zumindest für verschiedene Teile der Gesellschaft zugänglich zu machen. Wie lässt sich dies erreichen? Erst wenn wir die Angst verlieren, Räume zu schaffen, in denen unterschiedliche Gesichter, Körper und Ideen an einer authentischen Begegnung teilnehmen, können wir beginnen, uns darüber zu einigen oder zu streiten, was Demokratie ist und was nicht.
Vielleicht liegt genau darin die zentrale Erkenntnis dieses Festivals: dass „Performing Democracy“ weniger als erfülltes Versprechen denn als fragiles Verfahren lesbar wird. Die beobachteten Leerstellen sind dabei nicht nur Defizite, sondern auch Hinweise darauf, wo Demokratie im kulturellen Raum noch nicht eingelöst ist – und vielleicht auch nicht abschließend eingelöst werden kann. Zugleich entstehen in einzelnen Momenten, in Begegnungen mit den Arbeiten, in Formen des gemeinsamen Zuschauens oder der Irritation, Situationen, in denen etwas von dem aufscheint, was demokratische Praxis ausmacht: das gemeinsame Aushandeln von Differenz, das Aushalten von Widerspruch, das kurzzeitige Entstehen von Öffentlichkeit.
Das Festival zeigt damit weniger eine fertige Demokratie als vielmehr ihre Bedingungen: Zugänglichkeit, Konfliktfähigkeit, finanzielle und soziale Durchlässigkeit, aber auch die Bereitschaft, sich auf Ungeklärtes einzulassen. Demokratie erscheint so nicht als stabiler Zustand, sondern als Bewegung zwischen Beteiligung und Abstand, zwischen Reibung und Verbindung. Gerade in dieser Unabgeschlossenheit liegt vielleicht seine produktivste Qualität: dass es Fragen nicht schließt, sondern offen hält – auch über das Festival hinaus. Und dass sich die eigentliche Arbeit dort fortsetzt, wo Zuschauer*innen, Künstler*innen und Stadtgesellschaft beginnen, diese Fragen weiterzutragen, zu verschieben und neu zu verhandeln.
Perrine Le Morzadec, Rachel Oidtmann, Sabine Raun, Eisa Schmitt, Edwin Javier Velasco Caicedo, Dr. Jutta Krauß und Thusnelda Marín Jungmann
Der Text entstand ihm Rahmen der das Festival "Performing Democracy" begleitenden Schreibwerkstatt in Kooperation mit dem E-WERK Freiburg,dem Theater im Marienbad und dem Theater Freiburg.