tanzwuchs#9 Okt 2025

by: Perrine Le Morzadec

Ode an das Unsagbare

Es sind die Zeigefinger geübt und stählern, es gibt kein Zweifeln: Schau auf die Gebärmutter. Schau in sie herein. Woooomb. Woooomb. Woooomb. Titel ist hier auch der Sound – Das akustische womb und die Präzision mit der die Tänzerinnen diese in ihrer Performance übersetzen, übernehmen und amplifizieren, hallen nach: Womb. Zentrum des Lebens, Zentrum einer Kraft. Beat. Beat. Beat. Zieht mich in die Erde, Herzschlag. Bin ich im Mutterleib wieder angekommen?

Es beginnt mit den Körpern – einer und dann drei, dann doch vier und der Raum er dreht sich, und dann ist da die Musik, und die Frage eines Ich stellt sich nicht mehr. Ich und keiner; wir, die zeigen; wir, die helfen, und sieh hin, sieh hin, sieh hin, sieh hin: folge meinem Finger _Welchem der vielen, die stetig die Richtung wechseln? – Folge meinen Fingern, meinem Blick, folge diesem Tanz. Wie die Göttin Kali mit ihren vielen Armen und ihrer unermesslichen Kraft bilden Judith Gyasi (Choreographin), Paulina Jarzebowska und Antonia Schmid einen und viele Körper zugleich, wie als stünden sie an diesem Abend stellvertretend für all die Frauen, die jemals waren, zugleich. Ihre streng geflochtenen Zöpfe, die mit Intensität jeder Bewegung nachjagen, die gedeckten Farben ihrer Röcke weisen auf eine uralte und ewigwährende Geschichte des Frauseins hin. In Formen von geweckten Ahnen und Dämonen erfüllt durch womb Weiblichkeit den Raum. Durch stetig wechselnde Raumpositionen, wissende und dennoch freie Bewegungen, durch Blicke, die die Zuschauenden der neunten Ausgabe von tanzwuchs (Freiburg, Oktober 2025) durchbohren und überschauen, durch eine imposante Präsenz verteidigen sie wie drei Kriegerinnen ihre causa. Eine choreographische Vielfältigkeit und eine gelungene Verblendung von urbanen und expressiven zeitgenössischen Elementen verleiht der zugrundeliegenden Botschaft eine künstlerische Kredibilität und zugleich intensiviert es die Erfahrung der Darbietung, denn es wirkt wie eine innere Notwendigkeit, mit allen Mitteln das Innere zu vertanzen. Während die drei Tänzerinnen anfangs noch als eine Göttin ein geschwülstiges und musterndes Organ darstellen, verwandeln sie sich im Laufe ihrer Bühnenpräsenz in drei aufrechte, majestätische und selbstbewusste Tempelschützerinnen. Hier ist sie: die Ode an die Stärke der Frauen. Die drei Tänzerinnen zeigen, wie Körper migrieren und eine Kraft bergen, die nicht vom Verstand gelenkt wird. Sie präsentieren eine verborgene Kraft mit einer beeindruckenden Präsenz, eine Materialität, die kein Selbst mehr braucht. Reine Kraft des Lebens ist die reine Kraft des Tanzes. Während ihrer Tanzdarbietung wird immer deutlicher, dass das weibliche Leben von Schmerz, Anmut, Kraft und Transformation geprägt ist, dass es eine Lebensdichte gibt, die von Intensität von Tanz sichtbar und erfahrbar gemacht wird.

_Sie schreiten und stehen, bleiben in ihrer stetigen Bewegung verankert. Die Musik pocht und die Bewegungen der Arme sind schnell, drei Frauen stehen wie Säulen, roh und ganz, präsentieren sich dem Publikum, eine ihrer Hände greift ihr Kiefer – Profil rechts, Profil links – wie eine fremde Musterung, während ihr jeweils anderer Arm die geschulten armrolls über ihre Köpfe rotieren lässt. Das stetige Gefühl von Bewertung von Frauen und die Intensität des Lebens, die sich zugleich abspielt, übernimmt den Raum.

Der Whacking-Hintergrund der drei Tänzerinnen ist während der gesamten Darbietung greifbar. Ihre geübten armrolls und overheads, ihre Pose und scharfen Blicke erschaffen ein Stück, das die Zuschauenden bannt und die Vielfältigkeit, Schönheit und das Potential von Tanzperformances mit urbanem Hintergrund präsentiert und vehement für die Zugehörigkeit dieser auf zeitgenössischen Bühnen plädiert. Ihre Armkreise symbolisieren auch: Whack it out. Whacking ist schon immer politisch gewesen; Whacking war immer schon Kampf für Ausdruck, für das Tiefste und Ehrlichste, für das, was keiner sehen will und dennoch da ist, für das, was keiner hören will, aber so laut spricht.

In Womb sehe ich den Mut, den erzählenden Duktus einer Tanzperformance beiseitezulassen. Die drei eignen sich die rohe Kraft des Tanzes an, ohne der Verlockung einer Narration zu verfallen und dennoch kommt etwas an. Es geht ihnen um das, was da ist und nicht gefasst werden kann. Das, was zu groß und sich jenseits der rationalisierenden, sinnstiftenden Geschichte abspielt. Womb ist die Kanalisierung einer körperlichen Wahrheit, die gesehen, übermittelt wird. Womb will nicht denken, es ist die Kraft des Lebens, die angelegt ist und die frei werden will. Steht da und seid, oh anwesend und kraftvoll, als die Powerhäuser, die ihr seid. Es ist alles schon da. Sie zeigen es uns, sie weisen uns darauf hin und ich weine, und ich bebe, weil ich mehr will, mehr Judith, mehr Paulina, mehr Antonia, mehr Womb.