Im Rahmen von Tanzwuchs # 9 werden die Zuschauer*innen eingeladen, sechs kurze Stücke im Südufer in Freiburg anzuschauen. Das Format bietet den Künstler*innen einen professionellen Rahmen für szenische Recherchen und Performances, in dem sie ermutigt werden, Risiken einzugehen und neue Ideen zu erforschen.
Der Abend wird von der Performerin und Choreographin Dagmar Ottmann mit ihrem Stück „Cloe?“ eröffnet. Mit dem Rücken zum Publikum erscheint die Performerin in einer roten Plüschjacke, die mit der Erleuchtung des Bühnenraums langsam beginnt, ihre Strahlkraft zu entfalten. Der erste Eindruck lässt unklar, wie die Performerin im Raum positioniert steht. Nach und nach wird erkennbar, dass vorne nicht vorne ist und hinten nicht hinten - oder doch? Ist die Jacke und das darunter liegende Mieder verkehrt herum angezogen worden? Oder steckt ihr Körper verkehrt herum im Bühnenkostüm? Während sie barfuß am Boden haftet, mit dem Rücken zum Publikum, beginnt ihr Oberkörper sich immer wieder zu den Zuschauenden umzudrehen. Jedes Mal zeigt sie dabei einen neuen Gesichtsausdruck, mal wie eine Fratze, mal mit einem süßen Lächeln, fragend, verzweifelt… Das Rot ihrer Lippen spiegelt den knalligen Farbton ihrer Plüschjacke wider. Ein Geräusch von Regen ist zu hören. Christian Herrmann, verantwortlich für das Sounddesign und Musik-Arrangement, versetzt den Raum damit in eine warme, wohlige Atmosphäre. Ihr Oberkörper klappt an der Hüfte nach unten Richtung Bühnenboden. Ihre Hamstrings halten sie sicher im Stand, während ihr Kopf sich zwischen und neben ihren Beinen hin und her windet. Die Arme sind seltsam verdreht und bewegen sich in alle erdenklichen Richtungen, wodurch sich ihr Körper zu einem dekonstruierten Gebilde transformiert und ihr inneres Zwie(st)gespräch körperlich widerspiegelt. Sich windend, gestresst und dennoch als Ganzes wahrzunehmen, wird die Performerin zu einer grotesken Körperfigur.
Cloe? eröffnet einen Spielraum für einen Perspektivwechsel und die damit verbundenen Fragen zur eigenen Identität. Smadar Goshen, die die Performerin als choreographische und dramaturgische Mentorin begleitet hat, kristallisiert dieses offene Narrativ der Choreographie klar heraus. Wie verorte ich mich, wenn ich nicht mehr weiß, nicht mehr spüren kann, wo oben und unten, hinten und vorne für mich ist? Sehe ich sie oder sehe ich mich? Dem Stück gelingt es, die Fragen der Performerin auf die Zuschauer*innen zu übertragen. Was als diffuse Projektionsfläche beginnt, wird zu einer ahnenden Betrachtung und wirft schließlich weitere Fragen auf: Aus wie vielen unterschiedlichen Anteilen setzt sich eigentlich (m)eine Persönlichkeit zusammen? Welche Identitätsanteile sind das? Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Und wenn dann noch alle Mikrosituationen (m)eines Tages mitgezählt werden…
War ich nicht gerade noch Zuschauerin?
Verrenkt und verzerrt im Spagat liegend, robbt sich die Performerin im Dunkeln des Lichts hinter den Moltonstoff von der Bühne und wirkt dabei wie ein verletztes Tier.
Ein Körper. Wie viele Identitäten?
Eine Einladung zu erforschen.
Danke „Cloe?“.