by: Sabine Raun

Hand auf's Herz

Inspiriert von den in dem Tanzstück des Work-Life-Ballet humorvoll inszenierten Ausbruchsphantasien, die die Sehnsucht nach Befreiung aus dem Kreislauf der unermüdlichen Selbstoptimierung spürbar werden liessen, habe ich die unabsichtlichen Fehler in meinem Textentwurf zum Anlass genommen, um aus der Gewohnheit, Fehler gnadenlos auszumerzen, auszubrechen und habe mich stattdessen von meinen eigenen Fehlern inspirieren lassen.

So wurde aus der Work-Life-Balance das Ork-Life-Gleichgewicht. Der Begriff Ork wird gemeinhin als „Totengeist“ übersetzt und etymologisch mit lat. „Orcus“, der Unterwelt assoziiert. Der Ork versklavt alle ihm kräftemäßig unterlegenen Wesen und kann nicht besiegt, sondern nur getäuscht werden. Die Figur des Orks eignet sich in meinem Empfinden als Metapher für selbstausbeuterische Arbeitsverhältnisse, in denen Arbeitnehmer ihre Arbeitskraft bis zur völligen Erschöpfung für fremde Ziele (den «Dunklen Herrscher» / das Unternehmen) hingeben, in denen Arbeit als identitätsstiftend glorifiziert wird und im gleichen Atemzug den Menschen seiner Identität beraubt.

J.R.R. Tolkien, der die Gestalt des Orks in seinen Erzählungen wiederbelebt hat, äußerte sich selbst einmal so, dass jeder Mensch unter dem Druck extremen Leistungszwangs zum «Ork» werden kann – zum Rädchen in einer industriellen Maschinerie. Der Ork ist ein mächtiges Symbol für den Verlust des eigenen Lebens an eine übermächtige, ausbeuterische Struktur, bei der der Einzelne zum «Ork der eigenen Arbeitskraftausbeutung» wird.

Hand auf's Herz:
Was treibt uns an, früh aufzustehen?
Hand auf's Herz:
Was treibt uns an, gut auszusehen?
Hand auf's Herz:
Was treibt uns an, uns zu vergleichen
und den Ellenbogen auszuweichen,
die gemeinsam mit uns konkurrieren
und dabei aus lauter Angst 

diesen Wettstreit zu verlieren, 

ihr Seelenfeuer nicht mehr spüren?

Hand auf's Herz:
Wir konkurrieren um die Illusion,
der exklusiven Perfektion
unserer Daseinslegitimation.

Sind's wohl die Geister aus dem Orkus,
allgemeinhin Orks genannt,
auch als die Angst vor Endlichkeit,
auch als die Angst vorm Tod bekannt.

Aus dem Orkus ferngesteuert,
von Orks versklavt und angefeuert,
hungern jene Totengeister
nach der Essenz aus unseren Seelen
wie gut getarnte Sklavenmeister, 

die uns mit Sonntagsreden quälen.
Im Totenreich gedeihen sie
und zwingen uns täglich in die Knie.
Die Orks, die uns am Leben hindern,
sie zählen zu den Heilsverkündern.
Sie lehren, uns selbst auszuplündern
im Tausch für 2 Gramm Lebenszeit.
Im Tausch für 2 Gramm Seelenleid.

Das fragile Ork-Life-Gleichgewicht
opfern wir dem einen Bösewicht,
der uns durch Täuschung glauben lässt,
dass, wer zu langsam tanzt auf diesem Fest,
der krepiert im Kampf der Ellenbogen
um den allerletzten Krümelrest,
den die Orks uns übrig ließen,
um unser Dasein zu versüßen,
das ganz entseelt und fremdbestimmt
nun in den letzten Zügen glimmt.

Im Rahmen des Formats „Tanzschreib-Zirkel“ in Kooperation mit dem E-WERK Freiburg beauftragt das Tanznetz Freiburg Nachwuchs-Schreiber*innen mit Texten zu allen Freiburger Tanzproduktionen, die im Jahr 2026 am E-WERK Freiburg Premiere feiern.