Tanzwuchs – eine Plattform für neue choreographische Stimmen. Sie sollen gehört und vor allem gesehen werden. Jede Choreographie steht für sich selbst, für einen eigenen Stil, für individuelle Ideen. Allerdings reihen sich in diesem Format die zehnminütigen Experimente hintereinander, stehen plötzlich ungewollt in Verbindung. Wir sollten über Bewegungen und mögliche Deutungen schreiben. Doch beim Beobachten der einzelnen Fragmente drängen sich uns drei ästhetische Phänomene auf, die uns bisher nicht in dieser Kombination aufgefallen sind. Zuerst sträuben wir uns gegen diese Wahrnehmung, weil sie so plump, so schlicht, so zufällig daherkommt; doch je länger wir darüber nachdenken, desto deutlicher wird uns: Dahinter steckt etwas. Ein Wissen.
Als wir uns nach den Aufführungen mit den Schreibworkshop-Teilnehmer*innen vor dem Gebäude zu einer kleinen Nachbesprechung im Kreis treffen, äußern wir unsere Beobachtung: Atmung – Rücken – Haare. Der Kreis raunt. Der Kreis nickt. Vielleicht, weil die Worte mit einem gewissen Pathos ausgesprochen wurden, das der vermeintlich banalen Beobachtung einen Schutz gab, nicht als nichtig abgetan zu werden. Vielleicht auch, weil alle etwas darin wiedererkannten. Statt also zu beschreiben, welche Themen in den Stücken verhandelt wurden, möchten wir diesem anderen Wissen nachspüren: Einem Wissen, das entsteht, wenn Atem stockt oder fließt, wenn Haare ins Gesicht fallen oder sich aufrichten, wenn der Rücken sich krümmt oder streckt. Es ist spürbar, bevor es denkbar wird. Was weiß der Körper, was wir noch nicht wissen? Ein anderer Ansatz der Rezension: kein Deuten, sondern ein Lauschen auf die Phänomene selbst.
Jede Premiere verdient eine Kritik – und jede Premiere verdient einen Sekt. Während wir zur Tankstelle laufen, stellt sich diese frech-einfache, aber durchschlagende Frage: Was wäre der Abend ohne Atmung gewesen? Mit der erfrischenden, 8,50 € teuren Freixenet-Flasche in der Hand laufen wir zurück, im Wissen, dass wir den Korken dieser Frage niemals zum Ploppen bringen werden – aber, dass ein gemeinsames Weiterdenken mindestens so prickelnd wie der Sekt sein wird.
Vor Aufregung wird unser Atem schneller. Wir passen uns fast den Atemgeräuschen der schnell hintereinander folgenden Performances an, die so laut sind, dass das Atmen beinahe genauer zu sehen ist als die Bewegungen selbst. Könnte man der ausgeatmeten Luft zusehen, so wären unentwegt kleine Atemwolken sichtbar, die wie kleine Nebelschleier die Bühne zunehmend verdichten würden. Der Atem an diesem Abend geht schnell, auch als Format der Aneinanderreihung von verschiedenen Performances: Mal zeigt sich der Atem, bevor Körper auf der Bühne verzehrt werden, so wie in Reverse Waterfalls, als die Performer*innen Valeria Tolonen und Mare-Blue Sahiti mit großen Gesten den Atem schöpfen und ihr Atem kürzer, schneller und lauter ist als die Bewegungen selbst. Es scheint ein erwirkter Atem zu sein, eine Geste des (Er-)Schöpfens: Doch was bedeutet es, wenn bereits intensiv geatmet wird, bevor der Körper überhaupt an den Rand der Erschöpfung gebracht wurde? Ist im Inneren schon eine Erschöpfung erreicht, die im Äußeren noch gar nicht sichtbar ist oder müsste einfach mal wieder eine Nasenscheidewand gerichtet werden? Sonderlich leicht wird es nicht sein, die Kraft eines Wasserfalls aufzuhalten – geschweige denn, ihn umzukehren. Geht der Gesellschaft – metaphorisch gesehen – so langsam die Luft aus? Jedenfalls wünscht man ihnen ein Sauerstoffzelt als Bühnenbild, um sich wieder mit ihrem Atem zu verbinden: vier Sekunden ein, sechs Sekunden aus, zurück im (Wasserfall)-Fluss des Lebens.
Anders äußert sich der Atem bei Wir stehen auf: Im Hinlegen und Aufstehen zeigt sich der Atem in einer Bewegung. Bewegung und Atem haben den gleichen Rhythmus. Die tagtägliche Übung des Hinlegens und Aufstehens ist wie das tägliche Atmen selbst. Als Selbstverständlichkeit breiten die Performer*innen Mira Urbassek und Eva Krause ihren Atem aus und ziehen sich ihn gleich einer Decke über. Wiederum ganz anders: Die Tänzerin Marcella Centenero dreht sich in Sh/c/ell berauschend schnell, so dass am Ende ihres Tanzes trotz Dunkelheit ein durch den Atem nachklingender Körper erahnbar und vor allem hörbar bleibt: Sozusagen ein Hinterherhecheln des Vergangenen und zugleich ein In-der-Gegenwart-Sein.
Der komplette Abend verläuft wie eine atemlose Erzählung. Mit jedem Atemzug wölben sich die Rücken auf, als drohten sie zu explodieren. Steigernd, dass es einem vorkommt, als säße die Lunge nicht in der Brust, sondern im oberen Rücken. Selten wird über den Rücken von Tänzer*innen gesprochen. In Besprechungen ist meist von virtuosen Armen und kraftvollen Beinen die Rede – aber selten, fast nie, vom Rücken. In der Tanzkritik wird ihm selten Platz eingeräumt. Denn seine Aufgabe scheint einfach zu sein: Der Rücken soll halten – mehr eigentlich nicht. Doch ohne ihn wären wir ein formloser Blobb. Eben wie Spinat ohne Blubb. An diesem Abend aber entwickelt der Rücken eine eigene narrative Stärke.
In der Choreographie Better together von Liesbeth Van Loo, getanzt von Katharina Gonska und Vanessa Thüring, sieht man anfänglich nur den Rücken, das Gesicht bleibt verborgen. Der Rücken eines Menschen ist wenig einladend, dient eher der Abschottung, scheint trotz seiner Verletzlichkeit robust, fast wie ein Panzer. Die Rückseite wirkt hier fast unmenschlich – und das ist wohl auch Sinn der Sache: die körperliche Personifizierung einer KI-generierten Intelligenz. Klar erkennbar: Irgendwie wie du und ich und doch ganz anders.
Diese unmenschliche Wirkung entfaltet sich auch im Stück Cloe?. Doch hier nähert sie sich nicht einem Cyborg an – vielmehr entsteht die Dekonstruktion des Körpers durch Kostüm und Haare: Neue körperliche Konstellationen erinnern an Xavier Le Roys Self Unfinished. Der Rücken wird in dieser eigentümlichen Symbiose aus Material, Bewegung und Identität zum Irritationsmoment. Das gegen jegliche Tragestrategie getragene, rotfarbene Plüschjäckchen der Performerin Dagmar Ottman verbirgt die Brust und legt den Rücken bloß. Anstatt, dass es schützend wie haariges Fell über dem Rücken liegt, ist dieser von einem aus Spitzen bestehenden Mieder hauchdünn und zart überzogen. Das Tragen des Kostüms wird zur Reflexionsfläche über Vorder- und Rückenansichten von Körpern. Es ermöglicht gleichzeitig die Irritation von (europäisch) geprägten Tragetechniken und es bevollmächtigt zu neuen Sichtweisen. Der Fokus liegt dabei nicht auf der Modellage der Brüste, sondern vielmehr darauf, den Rücken anders zu zeigen. Ihm wird die gleiche Bedeutsamkeit wie den Brüsten zuteil: Er wird nahezu bloßgelegt verziert und ins Licht gerückt.
Und immer wieder dazwischen: Haare. Nicht nur die Laufstege sind in diesem Herbst wieder pelzig, sondern auch die Haare der Performer*innen von tanzwuchs #9 wachsen während der Tanzereignisse zu Bedeutungsgeflechten. Wie die Performer*innen ihre Haare tragen, scheint zutiefst identitätsbildend zu sein. Sie tanzen ihre individuellen (Haar-)Geschichten. Ohne Windmaschinen erzeugen sie ihren eigenen Wind im eigenen Haar. Was für ein Tanzen und was für ein (Tanz-)Wissen erzeugen diese Haare, die gleichzeitig Körper und Kostüm sind? Bei dem Stück Womb, getanzt von Judith Gyasi, Paulina Jarzebowska und Antonia Schmid, weitet sich das Haarkleid zu einem Kollektivkörper aus. Zu Beginn stehen die drei Performerinnen mit dem Rücken zueinander, eng beisammen im Kreis. Ihre Zeigefinger weisen nach außen und auf sich selbst, während sich ihre Hinterköpfe und ihre geflochtenen Haare berühren. Ihr Haargeflecht weitet sich zu einem sichtbaren Zeichen der Zugehörigkeit aus. Es scheint, als würden sie nicht nur mit ihren Bewegungen, sondern auch mit ihren Frisuren eine weibliche Kollaboration eingehen. Das gemeinhin alltägliche Phänomen Haar bleibt dabei tief verwurzelt in der Alltagskultur von Frauen und wird gleichzeitig Gegenstand eines feministischen Geflechts. Denn sie feiern mit ihrem Tanz und ihren Haaren ihre Stärke, die aus ihrem virtuosen Tanz und aus ihrem verflochtenen Haar erwächst. Entspringt nicht nur ihre Tanzkunst, sondern auch ihr Haarwerk einer Praxis des gemeinsamen Tuns? Birgt das Flechten von Haar das Potenzial, miteinander verflochten zu sein?
Dahingegen fallen die Haare in Wir stehen auf nicht unbedingt als Kostüm auf. Sie sind irgendwie da und irgendwie alltäglich. Und fallen doch auf: nämlich dann, wenn sie über die Augen fallen und aus dem Gesicht gewischt werden. Das passiert meist, wenn die Posen des Aufstehens und Hinlegens zu rhythmisierten Bewegungswiederholungen werden. Dann verschwimmen bildhafte Momente des Beieinanderliegens zu bewegten Augenblicken, in denen das Haar berührt wird. Die kurzen Haare der Performer*innen zeigen sich befreit von langem, meist weiblich gelesenem Haar. Sie können als eine Bewegungsabfolge der Befragung gelesen werden, in der Alltäglichkeiten, wie das Haar, aus Normierungen entlassen werden und belanglos ins Gesicht fallen.
Ganz anders, wenn bei Marcella Centenero die offenen, extrem langen Haare auf die Dynamik ihrer Bewegungen reagieren und diese sogar zu verlängern scheinen. Sie lösen ein Nachbeben ihrer Drehungen aus und markieren das Auslaufen einer Geste. Ihre Haare tanzen mit, hinterlassen Spuren im Raum und machen vorausgegangene Bewegungen sichtbar – so wie ihr Atem den Körper trotz Dunkelheit erahnbar macht. Ihre Haare sind weder Ornament, noch Schmuck oder Dekor – ihre Haare verzieren nicht, sie sind widerständig, weil sie nachwachsen können und leidenschaftlich wild verloren gehen. Mit ihrem Haarkleid zeigt sie, wie nicht nur mit einem einzigen Haar die Identität eines Menschen enthüllt werden kann, sondern wie Haare selbst eine Geschichte von authentischer Präsenz erzählen. Das Vermögen liegt in einer eigentümlichen Doppelbewegung: Es verweist nur auf sich selbst – und verrät dabei doch alles über die, die es trägt. Somit sind Haare ein Zwischenraum – sie verdecken und enthüllen zugleich. Im Tanz(en) schaffen sie Momente von Verschleierung, Verzögerung oder Verflüssigung. Wenn das Haar ins Gesicht fällt, wird der Blick entzogen; wenn es geschleudert wird, entsteht eine Art visuelle Aura, die die (scheinbare) Identität entweder stabilisiert oder auflöst.
Und so bleibt nach diesem Abend ein eigentümliches Nachglühen – ein Schweben vereint in virtuellen Atemzügen, aufgewölbten Rücken und den Spuren der Haare, die noch immer durch die Luft zu ziehen scheinen. Es sind keine Nebensächlichkeiten, sondern Körperpartituren, die etwas über das gegenwärtige Tanzen verraten: über Verletzlichkeit und Kraft, über Zirkulation und Widerstand, über das Wissen, das durch die Oberfläche sickert, bevor es Worte findet. Haare, Rücken, Atem – sie bilden eine Choreographie des Dazwischen, ein verkörpertes Archiv von Haltungen, Gesten und Geschichten, das sich jenseits von Konzept und Deutung entfaltet.
Vielleicht müsste Tanzkritik öfter von solchen Nebenschauplätzen ausgehen – von einem Haar, das ins Gesicht fällt, einem Rücken, der sich wölbt, einem Atem, der die Bewegung trägt. Denn dort, im scheinbar Zufälligen, zeigt sich das Wissen des Körpers in seiner schönsten Radikalität. Denn was wären durchtanzte Nächte ohne offene Haare?