gleichwegs zueinander
équiLIBRE. Eine Performance
Eine Reise beginnt. équiLIBRE ist eine Tanzaufführung sowie ein Traum von Schwerelosigkeit und Weltenbildung. Das Publikum schreitet im Februar 2026 in das Kammertheater des E-Werks Freiburg, das in ein rotes und warmes Licht geflutet ist. Leise Einweisungen, gehackt, wie eine Funkstörung, wie als würde der ganze Saal ein Raumschiff sein, sind zu hören. Kryptische Nachrichten erhellen: Take a. Moment. A break. Allow. Yourself. Take a. Break. Moment. Fully. Drei Performer:innen erwarten bereits ihre Gäste. Eine Person liegt quer im Raum: Belinda Winkelmann: Knie, Arme, Hände und Kopf auf den Boden gelegt. Ein Käfer, eine Kreatur? Lisa Wethkamp und Raúl Martínez stehen statisch, aufrecht am seitlichen Eingang des Raum, antik wirkend mit den langen dicken Kletterseilen um ihren Kopf gelegt. Sie sind fast wie zwei eingewiesene Astronauten, die die Raumschiffbeladung bewachen.
Ein langer und wirbelnder Willkommensgruß vorgetragen von Lisa Wethkamp, Co-Choreographin und Performerin, lässt die Reise beginnen. Lisas lächelnde und liebe Stimme bewegt die sitzenden und beobachtenden Körper. Alle Anwesenden fühlen schon zu Beginn ihre Körper und die der anderen, fühlen die Schwerkraft und den Magneten, die im Innern schlummern: sie spüren die Offenheit der Darbietung und das Potential von Gleichgewichtsakt, das während der Performance greifbar gemacht wird. Das Stück équiLIBRE gelingt eine verkörperte Zuschauerschaft und knüpft somit ein unsichtbares Seil auch zu seinem Publikum. Durch zusätzliche Botschaften auf Schweizerdeutsch und Spanisch, die durch das Theater hallen, wird deutlich, dass an diesem Abend alle unterschiedlich und vielfältig sind, auch, wenn nicht alles von jedem einzelnen verstanden wird; eine Symphonie der offenen Arme kann beginnen.
Auf der Suche nach Orientierung, welche Erfahrungen in diesem Stück platziert werden, flackern im roten Licht Folienelementen fein versteckt in den roten und violetten Anzügen. Man kommt nicht umhin zu denken, dass dieser erste Akt im Weltraum stattfindet. Die dicken um den Hals gelegten Seile erinnern uns fast an Astronauten-Helme. Die zaghaften und schwebenden Bewegungen von Lisa und Raúl erinnern uns an die von Mondforsch:innen. Die beiden schaffen eine neue Welt und bespicken diese mit ihren Seilen. Während Lisa und Raúl erforschen, sich kennenlernen und umeinander herum winden, wird der Blick auf Belinda Winkelmann gezogen. Kniend und sich versteckend, Rücken und Schulter fast wie eine Insektenpanzer, beugt sie sich zum Publikum, ihre Leoprint-Hose evoziert Urzeiten, tierhaftes Winden; die Dissonanz zu den beiden Forscher:innen könnte nicht flagranter sein. Der, von Paul Norman hierfür komponierte Sound ist übergangen zu einem tropfenden Plätschern, wir wissen nicht, ob sie in eine andere Welt oder in vormenschlichen Zeiten zurückgereist sind. Die Schulterblätter der Kreatur winden sich, während alle fünf Gliedmaßen der Co-Choreographin und Tänzerin starr mit dem Boden vereint sind. Aus dem Schulterzucken wird ein Kriechen. Ellenbogen, Knie und Schultern präsentieren eine Extravaganz, ein Bewegungsspektakel des urzeitlichen und einsames Kämpfens mit sich selbst. Kein Antlitz, das uns die Richtung zeigt, kein Gang, keine Sicherheit, kein Vertrauen. Getrieben und vertrieben kämpft sich Belinda auf ihre Beine. Sie sucht stetig nach Gleichgewicht, der aufrechte Gang scheint keine Option. Die Frage, die hier von Belinda Winkelmanns Performance gesetzt wird, ist die des Menschenseins in Abwesenheit von Verbindung. Der fehlende Blick für die anderen impliziert das Fehlen von Bindung. Nun endlich stehend, aber gebeugt, greifen Armen ohne Oberkörper in einen noch leeren Raum. Gesichtslos ist die menschenwerdende Körpermasse am Stolpern, am Suchen, niemand kommt ihr zu Hilfe, während Raúl und Lisa einen sanften Tanz des gemeinsamen Vertrauens tauchen.
Das Stück wird indessen weitergesponnen und beginnt seinen zweiten Akt mit der menschgewordenen Belinda, die sich ihren Astronautenanzug überstreift und an der neuen Welt teilnimmt. Ein Trio voller Lieblichkeit entwickelt sich langsam auf der Bühne. Ein gewisses Suchen wird angenommen, wird in den Raum gestellt: Belastung kann nicht vorausgesetzt werden. Zaghaft begegnen sich die drei Körper, zuerst zu zweit, dann zu dritt. Sie rollen übereinander, halten sich, greifen sich. Sie scheinen sicher und verspüren eine wohlwollende spielerische Qualität. Generelle Erleichterung: die neue Welt ist eine gute!
Während die drei Körper sich auf der Bühne produzieren, werden die verschiedenen Dimensionen von Gleichgewicht manifestiert. Es geht dem Stück ums Verteilen, ums Stützen, ums Sehen und um das Fühlen des Anderen, aber vor allem geht es hier um das Aufbauen einer gemeinsamen Realität. Während der 50-minütigen Darbietung bauen die drei Performer:innen ein Bühnenbild aus Kletterseilen. Beeindruckend am Stück équiLIBRE sind sowohl die diversen raumgreifenden Elemente als auch das Einnehmen des Raums durch die bunten Kletterseile, die durch die gekonnte Lichtinstallation von Steffen Melch zum Leuchten gebracht werden. Wie ein immer komplexeres Beziehungsnetz und mit Hilfe von hängenden Karabinerhacken wird ein buntes Seilfirmament gesponnen.
Dieses Gerüst wird zu einem physischen Artefakt der kontaktimprovisierten Elementen der Tänzer:innen und verdeutlicht die Vielseitigkeit, Verwirrung und Aufregung, die hinter dem Knüpfen von menschlichen Beziehungen versteckt: Je näher sich die noch zu anfangs starren Körper kommen, desto mehr Verknüpfungen zwischen den bunten Seilen entstehen. Knoten werden gemacht und die Festigkeit der Konstruktion symbolisiert das stetig wachsende Beziehungsnetzwerk. Das spätere Loslösen und das Freidrehen von Raúl Martínez erinnert uns zugleich an die Kraft, Schönheit (und Gefahr?) von entfesselter Bewegung. Es werden aber die wohlwollenden Körper der anderen sein, die das Fundament einer neuen Welt gießen. Während uns das Duo Raúl und Lisa die magische Kraft des Orbitierens beibringt, zeigt die Begegnung von Raúl und Belinda, welch intensive Kräfte das gegenseitige Stützen mit sich bringen und dass Gleichgewicht zu jedem Zeitpunkt gesucht werden muss, weil ansonsten alles zusammenzufallen droht.
Lisa, Raul und Belinda werden in ihrem Stück équiLIBRE zu drei Figuren einer Traumwelt von Zeitlosigkeit, von Urzeiten und von einem weitentfernten Planeten, nicht ganz hier und nicht ganz fort. Sie erschaffen sich eine Welt, in dem jeder jedem begegnet und sich durch seine ganz eigene Körperlichkeit stützen kann. Die drei Performer:innen (und zugleich Chorerograph:innen) des Stücks rollen übereinander, halten sich an den Händen, sie halten zusammen und lassen sich los. Es ist das authentische und ungeplante Lächeln aller drei während ihrer Performance, die zusätzlichen beweisen, dass es sich bei diesem Stück um eine Produktion aus dem Herzen handelt. Alle drei zeigen eine beeindruckende Bewegungsqualität, die im Lichte und Musik ein Gemeinsames ergeben. Die beeindruckende und hierfür komponierte Musik- und Soundproduktion von Paul Norman ist Mediation, Anleitung und Spiel zugleich, das spielerisch und erforschend ist und dem Stück eine verführerische Dimension verleiht. Die Freude am Entwickeln der fünf Künstler:innen ist greifbar und ein Schwall von Hoffnung, Liebe und Leichtigkeit gleitet sanft in unser aller Herzen.