Eine Ode an den Wahnsinn in uns
Wir folgen Madame Edith Serger-Chapelene in den Kaninchenbau, in ihre Welt, in der sich Realität und Imagination schwebend ein Tänzchen miteinander liefern. Edith ist die schillernd-trällernde Figur, verkörpert von Camille Lejeune, die das Publikum in diesem Solo-Tanztheaterabend an einem Tag in ihrem Leben teilhaben lässt. „Deliciously Gone“ von Nadine Gerspacher choreografiert, changiert genussvoll zwischen Wahnsinn und Alltag.
Edith kommt nur schwer aus den Federn – wem kommt das nicht bekannt vor? Schläfrig lethargisch, wie nach einem durchgesoffenen Abend, wälzt sie sich durch ihr Bett, tastet nach ihren schwarzen Lackpumps. Das ist das Erste, was sie ihrem sonst nackten Körper überstreift, gleich danach kommt der Lippenstift. Langsam schält sich die adrette Edith aus den kilometerlangen weißen Laken, streift ihr elegantes schwarzes Kleid über – Bonjooouuuuuuuur! –, trinkt mit ihrer Zimmerpflanze den morgendlichen Kaffee und gibt ihr Tipps für ein glücklicheres Leben. Sie sollte es doch mal mit Töpfern versuchen, gegen das trübselige Herumhängen!
Ihr Hocker macht mal wieder, was er will. Ihr Servierwägelchen ist ihr aufdringlichster Verehrer, die Toilette ihr engster Verbündeter. Mit dem schnörkeligen gusseisernen Bett hat sie es nicht leicht. Sie liefert sich einen Boxkampf erster Klasse mit dem störrischen Geschöpf.
Edith weiß sich zu helfen gegen die Einsamkeit und pflegt enge Beziehungen mit ihren Gegenständen. Diese Zwiegespräche erscheinen im ersten Moment absurd komisch und sind doch auf den zweiten Blick eher tragisch, denn nach und nach wird klar, dass sie gefangen ist in diesem Zimmer, auf dieser Bühne und in ihrer Welt. Wo, ob in einer psychiatrischen Klinik, einem Gefängnis oder einfach in ihrem Kopf, das bleibt in der Schwebe.
Mit einer fein ausgearbeiteten Dynamik im Spiel zwischen Körper und Objekten wickelt Edith mich um den Finger. Ihre Persönlichkeit ist oft übertrieben dramatisch, divenhaft, narzisstisch, verführerisch, doch kann ich es ihr kaum verübeln, denn zwischen den Allüren der Femme Fatale schält sich auch die Sehnsucht nach warmer, sonnengetränkter Zuneigung, nach Liebe, heraus. So posiert sie wie ein Mannequin der fünfziger Jahre im Blitzlichtgewitter. Ihr zuvor schwarzes Abendkleid wird zur goldenen Stola und im nächsten Moment zum Kleid der Goldmarie. Wie im Märchen wird sie mit Gold und Glück übergossen – um im nächsten Moment wieder vor dem Pech in Deckung zu gehen.
Das Herz des Kellners erobert sie auf höchst frevelhafte Weise. Rückwärts scheint sie in ihre Erinnerung zurückzulaufen und verwandelt sich in Edith-Femme-fatale. Das Licht ist dunkelrot, in breitschultriger Bolerojacke und dunklem Hut mit breiter Krempe, die ihr Gesicht bis zu ihrem süffisanten Lächeln verbirgt, stolziert sie über die Bühne und flirtet mit allem und jedem.
Ein edles Essen – Madame verführt gekonnt den Kellner, in dessen Haut Camille Lejeune im Sekundentakt schlüpft und ihm wieder entschlüpft.
Sein Herz wird Edith auf dem goldenen Servierwägelchen kredenzt. Nach anfänglicher Überraschung verschlingt sie das kleine rote, blutige Herz mit Genuss - Genuss ist untertrieben: mit Euphorie und Extase, als wäre es das schmackhafteste, nährreichste, was sie je gegessen hat. Es macht sie glücklich und ein bisschen wahnsinnig. Mit ausgelassenen und lebendigen Sprüngen und Drehungen, beherzt Arme und Beine von sich schmeißend, sprüht sie eine Art Erfülltheit über die Bühne. Das ist eine der wenigen Tanzbewegungsabfolgen im Stück, als wäre der Tanz Ausdruck eines unsagbaren Zustandes zwischen Glück und Wahnsinn. Zwischen Torkeln und Tanzen beißt sie immer wieder wie ein hungriges Raubtier von dem blutigen Stückchen ab, lacht, fällt erschöpft aufs Bett.
Ist das nun Sehnsucht nach Liebe oder schon Kanibalismus? Irgendwo dazwischen liegt wohl die Wahrheit. Camille Lejeune spielt im atemberaubenden Takt die wechselhaften und fragwürdigen Facetten der Edith Serger-Chapelene: Ein Feuerwerk der Gefühlsausbrüche, schräg, kitschig, traurig, einsam, leidenschaftlich. Am Ende bleibt die Frage: Was haben wir von Edith in uns und sind wir alle ein bisschen wahnsinnig?