by: Thusnelda Marín Jungmann, Festival-Blog Performing Democracy

«DIE BEWEGUNG» – ein Triumphzug?

In «DIE BEWEGUNG» trifft DAS THEATER auf DAS STADION; also KUNST auf SPORT. Wer sich bewegen ließ, läuft nun mit einem grün-violetten Schal durch Freiburg. Manche staunen: „modisch“. Manche zweifeln: „Ist das eine neue Sekte?“ Kritisch steht man dem gegenüber. Gewiss auch teilweise aus Neid nicht dazuzugehören. Doch zu was eigentlich? Denn anders wie im Populismus, gibt es keine greifbaren Marker oder klaren Parolen. Vielmehr gilt es seine gewohnte (politische) Perspektive mutig in Bewegung zu setzen. Doch wer zeichnet sich dafür verantwortlich? Polemisch gefragt: Wer führt an? Der künstlerische Leiter Julian Warner lässt sich mehr als Initiator verstehen. Lädt zum SPEKTAKEL ins Stadion der Turnerschaft Freiburg. Was vom SPEKTAKEL bleibt, sind die Schals, die das Projekt in der Stadt weiterleben lassen. Doch erst einmal zurückspulen.

Im Vorfeld finden öffentliche Trainings statt, in denen Freiburger Kulturorte sportlich herausgefordert werden. Im E-WERK etwa, auf einer gelb-roten Ringermatte, wird der Körper im Scheinwerferlicht selbst zur ästhetischen Form: enge Anzüge, enger Körperkontakt, eine Choreografie aus Angriff, Verteidigung und präzisem Timing. Doch die zunächst sichtbare Sympathie für diese choreografische Logik kippt im Gespräch. Wenn plötzlich vom Körper als „Waffe“ gesprochen wird, verschiebt sich die Wahrnehmung. Gleichzeitig treten auch gesellschaftliche Assoziationen hervor: etwa die Diskussion um Fitnessstudios als mögliche Vernetzungsräume rechter Gruppierungen. Szenenwechsel: „Klare Kante gegen rechts“, prangt ein Poster in der „politischen Buchhandlung“ jos fritz. Hier trifft Sportler und ehemaliger Ringer-Olympionike Mario Sabatini auf Denker und Schriftsteller Klaus Theweleit. In seinem Buch «Männerphantasien» (1977), in Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, drängt sich ein Referenzrahmen auf: die Angst vor körperlicher Auflösung im Krieg, die sich in gewaltvolle Härte übersetzt und sich zu einer Art Verpanzerung steigert. Julian Warner moderiert diese Begegnungen, schafft Räume, in denen Reibung möglich ist, ohne sie jemals durch Eskalation zu provozieren. Menschen werden im Aufeinandertreffen eventuell aus dem Gleichgewicht gebracht, ohne aktiv geschubst zu werden. Außer Ringer Sabatini lädt zwischen Selbsthilfe-Büchern und Sokrates in den aufgeklebten Ring auf Holzboden ein: „Es geht nicht ums Vernichten, sondern lediglich ums Besiegen“. Letzter Zwischenstopp vorm SPEKTAKEL: Vor dem Theater Freiburg – einem Gebäude, welches systematisch in den Dienst der NS-Kulturpolitik gestellt wurde – setzt sich das Waffen-Verpanzerungs-Motiv fort. Im Parcours, stark vom militärischen Hindernistraining geprägt, lernt man sich metaphorisch aus dem Logenplatz zu rollen. Doch wo endet die Bewegungsfreude, wo beginnt Militarisierung? Dann doch lieber im Foyer mit einem Hula-Hoop-Reifen sich wie so manche autoritären Staatsoberhäupter „einfach um sich selbst kreisen.“

Vorhang auf für DAS SPEKTAKEL: Julian Warner verfolgt mit «DIE BEWEGUNG» das Anliegen, Theater aus den Institutionen heraus zu den Menschen zu bringen. „Aber Kultur braucht Räume“, entgegnet Maria Viethen (Stadträtin, DIE GRÜNEN) – ein Argument, dem grundsätzlich zuzustimmen ist. Und doch bleibt ihre Vorstellung von Theater als sicherem Rückzugsort bemerkenswert romantisch. Denn wie zugänglich sind diese Räume tatsächlich? So wie das Fitnessstudio mitunter zum Sammelort rechter Vernetzungen wird, hat sich auch das Theater in vielen Fällen zu einem Resonanzraum gutbürgerlicher Ideale entwickelt und schließt somit systematisch aus. «DIE BEWEGUNG» versucht, diese Räume zu durchqueren, sie zu öffnen, sie vielleicht sogar durchzuspülen. Doch die entscheidende Frage bleibt: Gelingt es?

Die Veranstaltung erinnert stellenweise an eine olympische Eröffnungsfeier. Mit weißer Kreide ist der Rasen in unterschiedliche Felder unterteilt, in die Fahnenträger*innen verschiedene Delegationen führen, um ihre jeweilige Sportart zu präsentieren. Begleitet wird das Geschehen von der Stadionsprecherin Julica Goldschmidt des SC Freiburg, die verpasst durch spannende Kommentare dem Ablauf eine spektakuläre Rahmung zu geben. Spektakulär jedoch die musikalische Begleitung der Madis´son Brass Band, die eine überzeichnete Ästhetik US-amerikanischer Sportevents aufruft. Doch jenseits dieser Inszenierung bleibt «DIE BEWEGUNG» erstaunlich statisch. Das Publikum sitzt – wie im Theater – auf der Tribüne. Der Körper wird, wenig kinderfreundlich, geparkt. Bewegung wird betrachtet, nicht praktiziert. Auf einheizende Cheerleading-Choreografien folgen ermüdende Trainingssequenzen aus Fußball, Boxen oder Speedskating. Zwischendurch blitzen politische Botschaften auf Bannern auf, etwa beim Roller Derby Verein mit der Forderung nach „Trans* Rights im Sport“. Erst in Momenten wie der gemeinsamen Yoga-Einladung auf dem Rasen verschiebt sich etwas. Eingerahmt von Hügeln und Bäumen entsteht ein Setting, das an Laban’sche Bewegungschöre erinnert – aber eben wie damals auch an manipulative Körperkonzepte, um faschistische Ideologien in den Körper einzuspeisen. Dabei bleibt die Theaterreferenz im Stadion präsent: Wenn etwa „DIE KRITIK“ in Form eines überdimensionierten Kopfes auftaucht und fragt, ob das alles „intellektuell genug“ sei, möchte „DIE KRITIK“ dieses Textes schreiben: Ja natürlich, aber:

Was (aus traditioneller Sicht des Theaters) fehlt, ist der offene Konflikt. Die Themen liegen sichtbar bereit – die Sexualisierung im Cheerleading, toxische Männlichkeit im Kampfsport, die Unterrepräsentation von BiPoC im Sport. Hier liegt der eigentliche Zündstoff des Spektakels. Doch die Inszenierung scheut die Zuspitzung und ertränkt die Zündschnur bewusst in der Dreisam. Das Ergebnis ist eine Veranstaltung, die zugänglich bleibt, sich aber zugleich der notwendigen Schärfe entzieht. Nicht antiintellektuell – aber auch nicht bereit, intellektuelle Konsequenz wirklich zu riskieren, weil sie es konzeptionell gar nicht erst als Notwendigkeit setzt. Denn diese Kritik ist aus einer bürgerlichen Theaterperspektive heraus formuliert – und muss sich zugleich fragen, inwiefern sie selbst Teil des Rahmens ist, den sie beschreibt. Schließlich ist das Theater hier zu Gast im Stadion, ganz im Sinne Beckenbauers: „zu Gast bei Freunden“. Das bedeutet aber nicht nur, dass das Theater seine eigene zentrale Stellung relativiert und sich in einen anderen Kontext einfügt, sondern auch, dass es seine Maßstäbe verschieben muss – ebenso wie die Kritik, die es begleitet. Beide müssen lernen, ihre Selbstverständlichkeit zu verlieren und sich im jeweils anderen System neu zu verorten. Und dennoch: Diese Kritik möchte zurücktackeln dürfen. Mit Regeln, mit Unterbrechungen, mit einem Schiedsgericht – und vor allem mit echter Fallhöhe. Denn Kontakt kann wehtun, auch mit Schutzkleidung. Die entscheidende Frage ist: Welche Schutzkleidung trägt die Kunst? Und wie lässt sich kulturpolitisches Tackling denken?

Was dem SPEKTAKEL – aus Sicht einer Theaterkritik – letztlich fehlt, ist nicht Energie, sondern Reibung: eine Form von „Pyrotechnik“ im übertragenen Sinne, verstanden als Explosion von Diskussion. Doch anders als es im Untertitel «Triumph der Bewegung» mit seiner Ambivalenz von Sieg und Niederlage anklingt, geht es weniger um das Gewinnen der Kunst oder des Sports, sondern um den Erfolg des gemeinsamen In-Bewegung-Kommens. Denn das Ziel kann weder sein, Theaterpublika zufriedenzustellen, noch, alle Menschen ins Theater zu holen. Entscheidend ist vielmehr, Räume zu schaffen, in denen Gemeinschaft entstehen kann – Räume, die ein Aufeinanderzugehen ermöglichen. Solche Formate brauchen Zeit, um ihre Qualität zu entfalten. Sollte es keine weitere Ausgabe geben, bleibt zumindest der Schal als materielles Echo – und als Hinweis darauf, dass «DIE BEWEGUNG» nun in die Verantwortung der Stadt übergeht. Und vielleicht ist genau das der eigentliche Anfang: die Frage, welche neuen, individuellen Bewegungen daraus entstehen können.


Der Text entstand ihm Rahmen der das Festival "Performing Democracy" begleitenden Schreibwerkstatt in Kooperation mit dem E-WERK Freiburg,dem Theater im Marienbad und dem Theater Freiburg.