Die Performance-Party „Club Unique“ im E-Werk/Freiburg zieht in den Bann und hinterfragt gleichzeitig die Rolle und Beziehung zwischen Performer*innen und Zuschauer*innen.
19:00 – Schreibtisch Wohnung
Unter dem Titel „Performance Party“ kann ich mir nichts Genaueres vorstellen. Vermutlich werde ich nicht heimlich im Halbdunkeln des Zuschauer*innen-Raum meine Notizen im Sessel anfertigen können. Wie wird mein Körper eingebunden sein und welches Textformat wird zu dieser partizipativen Aufführung passen? Ich entschließe mich, während dem experimentellen Format eine eigene Struktur zu verfolgen: Ich lege mir auf, stündlich meine Beobachtungen zu protokollieren, falls ich mich doch einmal zu sehr im Partygeschehen vergessen sollte.
19:30 – Anfahrt
Eine warme Dusche, die den stressigen Tag von mir spült. Mein Lieblingspodcast läuft währenddessen. Nachdem ich mir noch einen kleinen Happen zu essen gemacht habe, bin ich startklar für den Abend. Entspannt, in voller Vorfreude und neugierig ziehe ich meine besten Dancesneakers an, packe Büchlein und Stift in meine Jackentasche und schwinge mich auf mein Fahrrad in Richtung Stühlinger Stadtteil.
21:30 – Foyer E-Werk
Erstmal zur Bar, ein Getränk holen. Auf dem Weg dorthin gleitet eine Performerin auf Rollschuhen an mir vorbei. Das Awareness Konzept ist präsent. Auf Hinweisschildern, die im Eingangsbereich hängen, lese ich über verschiedene Hilfestellungen, sollte ich mich unwohl fühlen oder zum Beispiel nicht wissen, wie ich sicher nach Hause komme. I like! Bereits im Foyer ist zu erahnen, dass die Party performancevoll werden wird.
22:00 – Halle E-Werk
An der Tür zur großen E-Werk Halle: „Kann ich Deinen Stempel sehen?“ Was erwartet mich hinter dem Vorhang aus zarten, weißen Schnüren? Ich tauche ein und meine Lunge füllt sich direkt mit dem Bass der Musik. Plötzlich bin ich mittendrin.
Ich sehe mehrere Kreise mit Tape auf den Boden geklebt. Sie sind mit römischen Ziffern von 1 bis 8 nummeriert und werden wohl irgendeiner Orientierung dienen, welche sich mir jedoch noch nicht erschließt. Das DJ-Pult inmitten des Saals als Kanzel erhöht, eingerahmt von zwei Diskokugeln. Lichtspiele füllen den großen Raum in verschiedenen Farben, mal heller, mal blinky. Im hinteren Teil des Raums hängt eine große Leinwand, auf der Visuals mich gleich in ihren Bann ziehen. Zirkulierende Spiralen, größer und kleiner werdend, ihre Farbe wechselnd. Sie erinnern mich an die Augen der Schlange Kaa aus dem Dschungelbuch. Der Raum wirkt auf mich erstmal wie ein Bühnenraum, der dezent vorgestaltet wurde und als Teil einer Inszenierung verstanden werden könnte. Ein Gast ohne Schuhe, eine Gästin mit umgebundenen Baby. Ein Loungebereich mit Sofas, leicht erhöht auf Podesten. Es füllt sich mit Gästen - jünger, älter und viele mit Brusttaschen. Meine Augen beobachten verschiedene Gesichter. Auch in ihren Augen erkenne ich Vorfreude und Lust auf den Abend. Musik wobbelt durch die Knie und Hüften werden weich. Man unterhält sich in kleinen Grüppchen. Mir wird berichtet, die ersten Performances schon verpasst zu haben. Ich bin etwas verunsichert durch das aufgebrochene Konzept von Performanceinszenierung und Partyspontanität. Sind mir die Performer*innen nicht aufgefallen? Oder performe ich gerade selbst, weil ich (ups!) im Kreis stehe? Zuerst dachte ich, die simplen Kreise seien lediglich Partydekoration, doch sie entpuppen sich als Tanzfläche für einen Cypher. In Kreis VI beginnt nun eine Performerin zu tanzen und ich trete aus dem Kreis. Ihr Shirt ist mit dem gleichen Tape beklebt wie die Kreise auf dem Boden und unterscheidet sie damit von den Partygästen. Ihre Bewegungen sind bouncy, atmend, werden größer. Der Kreis wirkt wie eine Nest für sie. Bass, Beat, wer betrachtet hier wen? Rhythmisches Klatschen während der Perfomance wird zu Applaus. Sobald sie ihren Tanz beendet hat, löst sich die Menschenkonzentration zwar auf, doch die Energie bleibt und diffundiert ins Partygeschehen.
22:30 – Halle E-Werk
Elektromukke, Gelächter, Gesprächsfetzen, Tanzkörper, die sich ihrer zu warm gewordenen Kleidung entledigen: „Chin-Chin!“
Ein Menschenschwarm bildet sich um den nächsten Performer. Ich bin zu spät für einen Platz im warmen Nest, bilde den Rand und erahne nur zwischen Köpfen durch. Sein Stil ist geprägt aus Whacking und Popping – ein Paar neben mir beginnt Diskofox zu tanzen. Der Kreis als Bühne ermöglicht Teilhabe und Abgrenzung zugleich. Lässt sich das Konzept von konvex und konkav eigentlich auch auf eine runde Form übertragen? Wer Zuschauer*in oder Tänzer*in ist, beantwortet sich in diesem Moment durch die Positionierung des Körpers zum Kreis. Wie bei der ersten Performerin bildet das Tape eine fluide Abgrenzung zwischen Bühne innerhalb des Tanzkreises und Zuschauerraum außerhalb des Tanzkreises. Spontan und intuitiv kann ich durch das offene Raumkonzept meine selbstbestimmte Rolle des Abends wählen: Ich will tanzen, also tanze ich. Als die Performance im Tanzkreis zu Ende ist, bewegt sich der tanzende Zuschauerschwarm zum nächsten Kreis. Ich entscheide mich, mitzuziehen.
Next: Die Performerin in Kreis IV zieht mich in ihren Bann. Mein Blick hängen an ihren Moves, mein Stift notiert eilig: Elemente aus dem klassischen Tanz aus Whacking aus Popping. viel Becken, weich zirkulierend, Attitüde Pirouette, flexibel und smooth Interaktion mit dem Publikum schnelldrehend wie bei Derwisch Tänzen, auffordernd dann Breakdance style, energetisch Hui, ein Fest der Sinne, ihre Moves so hypnotisierend wie Kaa.
23:00 – Halle E-Werk
Ein Gin Tonic später, der nächste Kreis. Erneut ist meine Sicht im Kreis eingeschränkt. Schnell wirbelnde Armarbeit, zucken, stoppen, Flow mit Unterbrechung. Rufe aus dem – ich entscheide mich nun endgültig: – Publikum, die bekräftigen und anheizen. Eine Frau vor mir hält ihr Handy hoch, um die Performance zu filmen. Über ihr Handydisplay kann ich nun auch sehen, was dort getanzt wird. Noch eine Sehdimension! Mein Blick wandert von Handydisplay zu Cypher. Oder anders gesagt: Entweder sehe ich zwei dimensional, was im Kreis passiert oder ich sehe mit dem Körper und spüre die Energie, die vom Cypher ausstrahlt. Applaus.
Ich nehme mir vor, das nächste Mal schneller am Ort des Geschehens sein zu wollen. Ob als Tänzerin, Zuschauerin, Journalistin oder Kaa will ich auf mich zukommen lassen. Der Gin Tonic wirkt, ich denke über den individuellen performativen Ausdruck der verschiedenen Tänzer*innen im Speziellen nach. Die Musik wird fordernder, ich tanze und dabei der Gedanke: Wie viele Körperkonzepte gibt es wohl? Gedanklich zähle ich auf: Körper als theatrale Figur, Körper als re-präsentierende Rolle, Körper als materielle Existenz…
23:45 - Halle E-Werk
Kreis VIII. Ein Duo. Ich Zuschauerin. Der Bauchnabel als Zentrum der Kraft. Tänzerin 1 will sich vom Boden erheben, Tänzerin 2 verzaubert sie und erinnert mich an eine Schlangenbeschwörerin oder ist sie Kaa? Wieder schnell wirbelnde Arme. Peace and Power. Nun werden Bewegungstasks auf kleinen Schildern hochgehalten: „Animajestic movements“ oder „Slow motion vs Speed“. Wie bei einem Staffellauf wird der Kreis übergeben, an diejenigen, die sich angesprochen fühlen. Ein Paar, gerade noch außerhalb des Cyphers platziert, übernimmt und öffnet damit den Kreis. Beim Zuschauen assoziiere ich eine indische Göttin und ein Partyzappler aus dem Drifters Club. In ihren Bann gezogen verpasse ich mal wieder eine Action in Kreis V. Eigentlich direkt hinter mir im Kreis haben wohl 5 Personen zusammen getanzt, ich sehe nur noch wie sie sich aus ihrem Verbund auflösen. Ihre Haare sind verwuschelt, ihre Haut von zartem Schweiß bedeckt, ihre Augen leuchten.
Ich ahne…ich erfahre: Mit Hilfe der Glaubwürdigkeit des Moments und der Konzeptfusion von Theater und Club entwickelt der Abend ein unmittelbares, immersives Format. Zwischen fesselnder Tanznarration im Cypher und intuitivem Selbstzeugnis durch Bewegung im Raum, eröffnet sich ein neues Erlebniskonzept. Einen konstanten Rahmen bildet der atmosphärische Sound.
0:30 – Halle E-Werk
Performance Party Peak. Es riecht nach Räucherstäbchen und Pups. Aus einzelnen Körpern werden viele Körper, aus vielen Körpern wird eine Körperfigur. Energie überträgt sich. Der Gin Tonic ist leer. Musik heizt ein. Die Sneaker gliden zum Bass über guten Tanzboden. Ich stehe in der tanzenden Meute und beschließe meinen letzten Satz zu notieren und mich endgültig dem Tanzen hinzugeben.
9:30 – Küche Wohnung
Während ich auf das erlösende Geräusch von Kaffee, der sich durch meine rotfarbene Bialetti- Espressomaschine drückt, warte, erinnere ich nochmal die Nacht: Rückfahrt auf meinem Fahrrad durch eine vergleichsweise warme Februarnacht. Beseelt ins Bett gefallen und von Kaa geträumt. Überzeugt von einem mir bisher unbekannten Performancekonzept, welches mir in meinem Erleben alle Freiheiten gelassen hat. Meine Fragen, zu beispielsweise Rolle und Partizipation oder Spontanität und Konzept, die sich über den gestrigen Abend manchmal aufgetan haben, werden an diesem Morgen von meinem Körpergefühl beantwortet: wohlig, grinsend und inspiriert starte ich mit einem Schluck Kaffee erfüllt in den Tag.