by: Hannah Störzer, Tanzschreib-Zirkel

Can a girl just sing?

„36 Gra-a-ad, a-a-ah“ tönt es wieder wie back in 2007 aus allen Boxen. 2raumwohnung feiert zur Hitzewelle in Deutschland ein Comeback. Auf Social Media wird vor allem der Refrain über Stories gelegt. Die Strophen wären, wenn wir ehrlich sind, auch nicht so im Sinne der decentering-men-culture vieler Gen-Z Girls. Genau wie das Musikvideo, da wird nämlich das Narrativ von Adam, Eva und der verbotenen Frucht auf fragwürdige Weise reproduziert. Aber gut, ich singe auch mit: „36 Gra-a-ad, eine Frau kann wieder keinen kurzen Rock tragen, ohne dass es als Einladung verstanden wird, a-a-ah!“

Warum ich damit in meinen Text über das Stück „Sirene - Stimme von schön bis gefährlich“ von der Choreografin und Sängerin Magdalena Weniger einsteige? Naja, es hatte immer noch 36 Grad als ich um knapp 20 (!) Uhr im E-Werk in Freiburg ankam. Und so wie Eva, die den armen, unschuldigen Adam überredet haben soll, eine Frucht vom verbotenen Baum zu kosten, gehören auch Sirenen zu weiblich-gelesenen, bösen Verführerinnen einer weiteren Mythologie.

Sirene - Stimme von schön bis gefährlich ist Magdalena Wenigers Masterarbeit ihres Studiums am Campus Gegenwart in Stuttgart und soll laut Programmtext weniger die Sirene als Figur behandeln, sondern die Stimme in ihrer Wirkungsmacht thematisieren. Erfrischend - so wie das Meeresrauschen, welches die Performerin zu Beginn mit ihrer Stimme in den Raum atmet. Kein Aufbrühen eines Mythos, keine Neueinordnung. Und trotzdem kommen die sagenumwobenen Sirenen, vor allem in dem im Nachgang ausgehändigten Essay von Weniger a lá „What.Would.Siren.Say?“ zu Wort und die griechische Mythologie, entstanden aus männlicher Perspektive, bekommt eine gewaltige feministische Abreibung - zu Recht. Can a girl just sing? Der Gesang der Sirenen als Pedant zum kurzen Rock. Wie sollen Männer bei der Verführung auch widerstehen? Selbst schuld, Girls.

Magdalena Weniger schuf durch die 360°-Bühne, bestehend aus aufgetürmten Bühnenteilen, die an eine felsige Insel erinnern, eine dynamische Atmosphäre im Raum. Das Publikum wurde im Voraus dazu aufgefordert, sich mit der Performerin zu bewegen, die mehrmals die Front wechselte. Auf jeder Bühnenseite lernte das Publikum eine neue Seite der Sirene kennen. Wie Phasen, die sie durchläuft - an einem Tag, einem Monat oder im Leben. Ein Zyklus und wir zirkulieren mit. Am Ende hätte ich gerne noch eine Runde gedreht, die 50 Minuten kamen mir nicht mal wie eine halbe Stunde vor. So vereinnahmend war die Performance. Weniger nutzte die Insel und die Darstellung der Sirene als visuelle Plattform, um sich spielerisch vermeintlichen Themen wie Fremdbestimmung und Selbstermächtigung zu nähern. Die Insel wirkte wie ein Gefängnis, eine auferlegte Lebensweise, ein begrenzter Wirkungsspielraum. Und die Stimme? Die erweiterte diesen Raum, gab ihr Raum. Wie Jutta Krauß es in ihrer Einführung bei der Premiere beschrieb, ist Sirene eine Stimm-Choreografie. Die Stimme tritt gleichwertig zum Körper auf und bewegt sich fernab von Sprache und bekannter Form durch den Raum. Als Tänzerin kenne ich die Wirkung von Bewegung auf die Stimme. Wie eine Bewegung einen Ton erzeugen oder freilassen kann. Bei Wenigers Performance erlebte ich das Gegenteil: wie der Körper von der Stimme bewegt wird.

Die Sirene transformiert mit jedem Frontwechsel der Performerin in einen neuen Zustand. Die erste Situation lese ich als „das Erwachen der Macht“. Wunderschönes Sonnenaufgangs-Orange scheint auf die Sirene. Das bereits erwähnte Meeresrauschen summt aus der Tiefe ihres Körpers. Es folgen animalische, selbstentdeckende Töne. Als würde sich die Sirene in diesem Moment selbst gewahr werden. Mit leisen, lauten, hohen, tiefen, harmonischen und dissonanten Lauten erfährt sie, wie tief die Stimme in ihr lebt und wie weit sie hinaus kann. Die Stimme erwacht zu einem eigenen Körper. Der physische Körper rutscht dabei auf den Felsen hin und her, als müsste sich der Stimmkörper erst aus den Fasern des physischen Körpers lösen, um seine volle Kraft zu entfalten. Unter seufzenden Geräuschen fährt sie mit ihren Mittelfingern über ihr Gesicht und die blau-lackierten Fingernägel kullern wie Tränen über ihre Wangen. Aber sie ist nicht traurig. Die hämischen Untertöne zeichnen eine trotzige Sirene, die keinerlei Mitleid mit ihren Opfern hat. Als würde sie sagen: „Ich mache mir einen Spaß daraus, wie viel Angst ihr vor mir habt.“
90 Grad weiter sitzt die Sirene plötzlich wie ein Affe im Zoo mit einer Mundsperre, die ihr überdimensionale Lippen zaubert, auf dem obersten Felsen. In diesem Zustand entledigt sich die Sirene ihres Mantels und stülpt sich diesen als Fischflosse über die Beine. Unter lustvollen, schmatzenden und leckenden Geräuschen robbt sie durch den Raum und übergibt den Zuschauer*innen eine Schleckmuschel und Ohropax. Sie pustet Seifenblasen in den Raum, ergötzt sich am Honig und spritzt Wasser ins Publikum, bevor sie es sich in den Rachen kippt. Alles ist glitschig, feucht und lasziv. Sie stimmt in eine Melodie ein, die sie quer durch die Musikgenres, wie Oper, Disney, RnB usw., zum Besten gibt. Mit jedem Wechsel ändert sich die Atmosphäre im Raum und die Stimme lässt wie bei einer Fata Morgana unterschiedliche Frauenbilder vor meinem inneren Auge entstehen. Der Stimmkörper ist plötzlich nicht nur hörbar, sondern auch sichtbar über das Physische hinaus. Der Gesang deformiert und ebnet den Übergang zu Radiomusik, welche das Publikum zur nächsten Situation führt. Die Performerin entfernt ihren Fischschwanz und setzt sich an den unteren Rand der Insel, hört Radio, isst Chips - als wäre sie mit ihrer Schicht fertig. Die Kommunikation mit dem Publikum nimmt ab, sie singt in sich hinein, spricht der Radiostimme nach. Sie fühlt sich unbeobachtet und das Publikum erlebt die Sirene ganz privat. Ich denke: That’s a girl just being a girl! Sie hat Spaß, singt und tanzt zu Abracadabra von Lady Gaga, zieht sich um und bereitet sich auf das große Finale vor. Die Musik wird lauter, sie schreit ins Mikrofon, hämmert auf die E-Gitarre und betätigt zum Schluss eine mechanische Sirene. Dafür waren also die Ohropax gedacht.

Durch alle Zustände zog sich für mich die Haltung, mit Akzeptanz und Selbstironie auf ausweglose Situationen und auferlegte Rollen zu reagieren und die Stimme zur Selbstermächtigung zu nutzen: den Menschen manchmal genau das zu geben, was sie von einem erwarten, oder aber die Rolle komplett aufzubrechen. Es war wie ein Spiel und sie hatte die ganze Zeit die Oberhand. Sie entschied, was das Publikum erleben würde. Der Stimmkörper ist quasi durch die Ohren in die Köpfe gelangt. Hypnotisch. Haben das nicht die Seemänner so beschrieben? Gebe ich ihnen damit recht? Nur damit, dass Frauen mächtig sind. Aber keinesfalls damit, dass du, Wilfried, einfach keine Wahl hattest.

Es wurde viel gelacht und trotzdem hatte es für mich auch etwas Trauriges, Wahnsinniges und Einsames. Ich würde gerne auf die Insel kommen und mit ihr die Girlhood feiern.
In diesem Sinne: Let us girls just sing our hymns!

über die Künstlerin

Im Rahmen des Formats „Tanzschreib-Zirkel“ in Kooperation mit dem E-WERK Freiburg beauftragt das Tanznetz Freiburg Nachwuchs-Schreiber*innen mit Texten zu allen Freiburger Tanzproduktionen, die im Jahr 2026 am E-WERK Freiburg Premiere feiern.