tanzwuchs#9 Okt 2025

by: Ida Biegel

Bewegung zwischen Innen und Außen

Das Solo-Tanzstück sh/c/ell der Tänzerin Marcella Centenero liest sich wie eine bewegte Verhandlung zwischen innerer und äußerer Welt. Dabei verschwimmen diese scheinbar entfernten Positionen hin zu einer Einheit, welche in der Wechselwirkung beider Pole entsteht. Licht und Dunkelheit, Vulnerabilität und Stärke, Wesenhaftigkeit und Körperlichkeit treten miteinander in Beziehung und bleiben dabei unterschiedlich präsent, während die stete Intensität der physischen Bewegungen zunehmend metaphorische Interpretationsräume schafft.

Gleich zu Beginn fällt der schräge Lichtstrahl hinein in das Schwarz der Bühne. Der sich am Boden befindende Körper der Tänzerin ist nur stellenweise beleuchtet. Einzig die im Licht liegenden Hände sind deutlich zu sehen und spiegeln sich wie skulpturale Elemente im glatten Tanzboden. Das Licht stellt den Körper aus, setzt ihn frei, lockt ihn aus dem Schwarz. So vulnerabel diese Freilegung ist, so viel Hoffnung auf Lebendigkeit liegt darin.

Sich aus der Position herausbewegend wird der Körper wie durch Metamorphosen freigelegt und legt sich dabei auch selbst frei, in einem Wechselspiel von Werden und Sein. Während sich die Tänzerin in größer werdenden Bewegungen dem Raum aussetzt und ihn dabei gleichzeitig bestimmt und zu eigen macht, erfolgt auch ein Findungsprozess.

Es ist ein Stück voller Verletzlichkeit und Schönheit, voller Fragen und gleichzeitig der Möglichkeit der Findung eigener Antworten. Wie gehen wir mit der äußeren Welt und wie mit der Inneren um? Wie sind wir mit der Welt verbunden, als Menschen, als Körper, als fühlende Wesen? Und welche Herausforderungen und Möglichkeiten ergeben sich dadurch? Am Ende geht das Licht intervallartig in Dunkelheit über, und die Tänzerin hat ein gleichförmiges Bewegungsmuster gefunden. In großen, spiralförmigen Bewegungen durch den Raum dreht sich der tanzende Körper um die eigene Achse und kommt schließlich an: im Dunkeln, in der Stille und im Atmen.

Das Solo-Tanzstück sh/c/ell verkörpert die Neugier an der Physis an sich. Eine Zelle ist die kleinste lebendige Einheit innerhalb eines Organismus. Eine Muschel dagegen ist ein mehrzelliger Körper, bestehend aus Hülle und Innenleben. In sh/c/ell betrachtet die Tänzerin Marcella Centenero beides, vertanzt Gemeinsamkeiten und Unterschiede und eröffnet dabei Perspektiven von Innen und Außen.