Zitternde Klänge schwirren durch den Raum, mal anschwellend, mal punktuell, mal vereinzelt, mal Schwarm-artig. Die Luft flirrt zwischen den Instrumenten hin und her, surrend und zirpend wie Insekten an einem Sommerabend.
Und plötzlich sind sie tatsächlich da: Vierbeinige, krabbelnde, scheinbar halslose Wesen, deren Gliedmaßen sich grotesk miteinander verflechten. Es ist der bezauberndste Moment an diesem Abend, in dem sich das Stück einer reinen Konversation zwischen Musik und Tanz, zwischen Klang und Bewegung enthebt.
Doch zunächst auf Anfang.
Acht Musiker*innen – fast ein Orchester – und das bei einer Tanzperformance der Freien Szene. Das zieht Musik- und Tanzbegeisterte gleichermaßen an. So steht auch irgendwie die Frage im Raum, wie dieses Stück sich wohl einordnen lässt: Als Tanzperformance mit Live-Musik oder doch eher als Konzert mit Tanzbegleitung.
Die Antwort lässt ein wenig auf sich warten.
Gelabelt wird die Aufführung im Programmzettel als Jubiläumskonzert, das anlässlich des 90. Geburtstags des Komponisten Helmut Lachenmann im vergangenen Jahr geplant wurde. Es besteht aus fünf seiner Werke und erforscht die Musik in einer Zusammenarbeit zwischen dem ENSEMBLE RECHERCHE und Emi Miyoshis SHIBUI Kollektiv aus der Perspektive des Tanzes.
Das fängt behutsam an. Im ersten Teil Guero werden der Flügeltastatur im vorderen Teil der Bühne knarzende, klackernde oder tropfende Geräusche entlockt, während eine Tänzerin erst nur beobachtend auftritt. Nach kurzer Zeit beginnt sie die Klänge mit ihrem Körper aufzunehmen. Sie übersetzt sie in tastende, gelenk-ige Bewegungen, die durch ihren ganzen Körper rollen. Dabei bleibt sie immer im näheren Umfeld des Flügels, räumlich ebenso wie kompositorisch. Erst gegen Ende der kurzen Sequenz verlässt sie ihre reagierende Position und greift aktiv ein – und zwar wortwörtlich in den Flügelkörper hinein: Zwei gezupfte Saiten erklingen.
Ein Vorspiel gewissermaßen, nach dem das aufstrahlende Licht den weiteren Bühnenraum öffnet. Musiker*innen und Tänzerinnen treffen nun im Zentrum der Bühne aufeinander. Über ihnen markieren zwei unregelmäßig gehängte, netzartige Stoffe, von denen weiße Fäden Richtung Boden tropfen, eine lose Begegnungsstätte. Sie erinnern an Baldachine, die einen hoheitsvollen, zuweilen romantischen, dabei aber niemals wirklich geschützten Raum bieten.
So gestaltet sich auch das Aufeinandertreffen darunter ästhetisch und respektvoll, immer genährt von einer ehrlichen Neugier aufeinander. Wiederkehrende Bewegungen werden als Entsprechung für die Musik im Körper gefunden, wie das gegenseitige Herunterstreichen Schulter-abwärts, durch das Verbindungen, Brücken, Tunnel und Schlupflöcher zwischen den drei Tanzenden entstehen. Es gleicht einem Abtasten der Musik durch die Gliedmaßen der Performerinnen.
Handwerklich überzeugend kann das mit Augen und Ohren genossen werden. Es bleibt aber auch – entsprechend des ungeschützten Raums? – vorsichtig, wie eine gediegene Unterhaltung, bei der meist die Musik, manchmal der Tanz führt.
Doch Halt! Denn während das zweite Stück Spiege-Lungen noch wie eine Art Simultanübersetzung von Klang- zu Bewegungskörpern anmutet, findet ausgerechnet durch die Spiegelungen im vierten Stück Trio Fluido der Perspektivwechsel zum Tanz hin statt.
Die Musik legt mit einem vielschichtigen Austausch zwischen Bratsche, Klarinette und Perkussion vor. Schon möchte man bedauern, dass ausgerechnet diese Sequenz nicht von Bewegung ausgelotet wird, da greift eine Tänzerin nach der anderen nach schwarz-glänzenden Platten, die sich als Spiegel entpuppen. Bedächtig bewegen sie sich damit über die Bühne, wodurch Lichtblitze aufblenden, Körper- oder Publikumsfragmente auf- und wieder abtauchen. Ein Spiel mit verdoppelten Gliedmaßen und deplatzierten Bühnenelementen beginnt. Dann ist plötzlich alles voller Beine. Sie schieben sich neben-, hinter- und übereinander, wie Käfer mit lose aufsitzenden Köpfen – Bilder, welche die Stimmung der Musik perfekt aufgreifen und weiterspinnen. Vielleicht ist es gerade diese Ent-Menschlichung, diese Fluidität der Körper, die eine wirkliche Verschmelzung von Klang und Körper ermöglicht, die eine Grundlage schafft, auf der nicht einseitig kommentiert, sondern zusammen kreiert werden kann.
Es ist dieser Teil, der die Antwort auf die Frage nach der Einordung des Abends liefert. Tanz: Lachenmann kann Konzert und Tanzperformance sein. In diesem schönsten Moment ist es aber noch etwas mehr: Eine Klang-Körper-Kunst, die durch intensive Auseinandersetzung nicht nur mit Musik und Tanz, sondern vielmehr mit der Wirkung beider Disziplinen entsteht. So wird aus dem Nebeneinander ein Miteinander und schließlich ein Mehrwert: Das Hörbare und das Sichtbare schieben sich soweit ineinander, dass eine neue Interpretationsebene entsteht.
Das sind wunderschöne, eng miteinander verflochtene Momente, hinter denen sich am Ende des Abends ganz behutsam eine neue Frage formt.
Zurück auf Anfang: Wie hätte das Stück sich von hier aus wohl entwickeln können?
Im Rahmen des Formats „Tanzschreib-Zirkel“ in Kooperation mit dem E-WERK Freiburg beauftragt das Tanznetz Freiburg Nachwuchs-Schreiber*innen mit Texten zu allen Freiburger Tanzproduktionen, die im Jahr 2026 am E-WERK Freiburg Premiere feiern.