by: Clara Dolinschek, Tanzschreib-Zirkel

Als würden sich Zwei eine Haut teilen

Zwei Körper: ein Bogen, eine Säule. Cosima Dudel und Frieda Wagner stehen ineinander gelehnt, als würden sie zusammen unter einem Pferdekostüm – wie der Titel „horsey“ vermuten lässt – stecken. Das bedeutet: Sie sind sich sofort nah und die Nähe scheint vertraut. Langsam macht der eine Körper den Versuch sich zu lösen, der Kopf entfernt sich aber nur auf Armeslänge von dem anderen und schnellt wieder zurück. Unter einer geteilten Haut ist nicht viel Platz, der Raum ist begrenzt. So ist das Vor- und Zurückschnellen von Cosimas Kopf in Friedas Arme ein Austesten der Grenzen – Bis hierhin und viel weiter?

„Horsey“ macht den Versuch, zwei Körper aufeinandertreffen zu lassen, ohne dass dabei Rollen- oder Machtverhältnisse klar verteilt sind. Identitäten werden wie Klamotten angezogen oder wieder abgestreift, sind wandelbar und fluide und das Verhältnis zwischen den beiden Performer*innen-Körpern wird spielerisch ausgelotet.

Auf einer Skala zwischen zärtlich und aggressiv lassen sich die Gesten und Beziehungen innerhalb der Choreographie der beiden Tänzer*innen kaum verorten. Als würden sie einen Weg aus einem engen Kokon heraussuchen, wühlen und ringen Arme und Köpfe, weder wütend noch erotisch aufgeladen, sondern als Teil eines natürlichen Vorgangs ohne Rollenzuweisung und Machtgefüge. Einfach nur nah sind die Körper zueinander und ineinander verschlungen, tragen sich gegenseitig und türmen sich auf: mal stehen zwei Körper auf zwei Füßen, mal scheint ein Wesen auf vier Beinen zu stehen.
Wo sie zuerst den körperlichen Raum der jeweils anderen austesten, da testen sie bald die Grenzen des Bühnenraums und ihrer selbst: Wo beginne, wo ende ich?
Körperteile klatschen an die Wand und auf den Boden, auch wieder mehr spielerisch übermütig als mit Gewalt. Ob dieser Körper mit seinen Armen und Beinen wohl in den Hohlraum einer ca. 30x40x50cm großen grauen Plastikkiste passt? Einen Versuch ist es wert.

Der Körper passt nicht ins Kistchen, aber in Kleidung. Die weißen Hemden und kurzen Hosen werden im Laufe des Stückes eingetauscht, zum Beispiel gegen einen gelb karierten Faltenrock – oder gegen die eigene Haut. Während sich Frieda im Schneidersitz mit dem Rücken zum Publikum entkleidet, wiederholt Cosima die Gesten des Ausziehens, bleibt aber angezogen. Frieda ist jedoch keineswegs nackt - sondern scheint sich eine ganz neue Identität übergestreift zu haben. Eine barock anmutende dunkelbraune Lockenperücke wallt um die Schultern bis um die abgeklebten Brüste. Mit einem weißen Baumwollschlüpfer und einer rüschigen Hemdkrause, wie aus der Herrenmode des 17. und 18. Jahrhunderts, bekleidet, beginnt Friedas erotisch-parodisches Solo, das sich in kein Gender-Kistchen zwängen lässt. Man könnte meinen, die Hauptfigur aus dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ hätte erkannt, was es bedeutet, zu seiner Tracht zu stehen. Gelöst und selbstbewusst, mal kokett, mal total bescheuert fegt und wandelt Frieda zu den Zeilen „Losing My Mind“ (Song von Liza Minelli) über die Bühne.

Wenn schon nicht der Verstand verloren wird, werden zumindest heteronormative Konzepte über Bord geworfen. Vorurteile und Rollenbilder werden abgeschüttelt und das intime und wandelbare Verhältnis zum eigenen und zu anderen Körpern gefeiert!

Zur Geräuschkulisse von der Sounddesignerin Karlotta Frank, die über die Dauer des Stückes am vorderen rechten Bühnenrand an Instrumenten und Loop-Maschine sitzt, raufen sich die beiden Tänzer*innen schließlich zusammen. Sie umarmen, packen und schleppen sich, dann kabbeln, kämpfen und ringen sie als permanenten Test des eigenen und des anderen Körpers. Schließlich stehen sie an der hinteren Bühnenwand mit dem Rücken zum Publikum, übereinander und untereinander – ein Wesen mit zwei Füßen, vier Armen, zwei Köpfen und einer Haut. Dieses Wesen ist weder eins noch zwei, sondern viel mehr: es ist vielfältig und wandelt sich stetig – so auch unsere Körper und Beziehungen.

Im Rahmen des Formats „Tanzschreib-Zirkel“ in Kooperation mit dem E-WERK Freiburg beauftragt das Tanznetz Freiburg Nachwuchs-Schreiber*innen mit Texten zu allen Freiburger Tanzproduktionen, die im Jahr 2026 am E-WERK Freiburg Premiere feiern.